Vorworte
Anlässlich des 110-jährigen Bestehens der Sozialistischen Jugend haben wir in einem eineinhalbjährigen breiten Diskussionsprozess ein neues Grundsatzprogramm ausgearbeitet und am 30. Oktober 2004 im Zuge unseres 3-tägigen Verbandstages beschlossen.
Jede Organisation gestaltet mit der Diskussion und Beschlussfassung eines Grundsatzprogramms eine Standortbestimmung. Diese muss, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten, vor allem eine breite Analyse beinhalten. Eine Analyse der momentanen gesellschaftlichen Prozesse, aber vor allem auch eine Analyse der historischen Entwicklungen.
Ich bin sehr stolz darauf, dass sich die Sozialistische Jugend im Zuge ihrer Analysen auf die Erkenntnisse des Marxismus berufen, und diesbezüglich eine klare Standortbestimmung ihres Selbstverständnisses auf Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus abgegeben hat.
Ich bin auch sehr stolz darüber, dass dieses Grundsatzprogramm nicht eine mehrseitige Abhandlung samt Aufzählung vieler Forderungen ist, sondern vielmehr ein umfangreiches Dokument, dass ein breites Feld der wesentlichen gesellschaftlichen Bereiche berücksichtigt.
Denn um unserem Ziel einer gerechten und solidarischen Gesellschaft, in der Menschen nicht durch andere Menschen ausgebeutet werden, gerecht zu werden, ist es unumgänglich sich immer wieder folgendes vor Augen zu halten: "Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird." (MEAW 1, S. 428)
Es ist unser aller Aufgabe, die Unzulänglichkeiten des Kapitalismus, und die daraus resultierende Unterdrückung der Mehrheit durch eine kleine Minderheit aufzuzeigen, und dem auch Alternativen entgegen zu stellen. Denn die Meinung der Herrscher dieser Welt gleicht dem Bild von den Spatzen, die vom Rossapfel profitieren, wenn das Pferd gut gefüttert wird. Ich hoffe, dass wir mit unserem Grundsatzprogramm einen kleinen Baustein geschaffen haben, um einen Beitrag über die Notwendigkeit der Diskussion zur Überwindung des Kapitalismus geleistet zu haben.
In diesem Sinne möchte ich mit Oscar Wilde schließen, der in seinem Essay "Der Sozialismus und die Seele des Menschen" festgehalten hat: "Der größte Nutzen, den die Einführung des Sozialismus brächte, liegt ohne Zweifel darin, dass der Sozialismus uns von der schmutzigen Notwendigkeit, für andere zu leben, befreite, die beim jetzigen Stand der Dinge so schwer auf fast allen Menschen lastet."
Freundschaft!
Andreas Kollross
Verbandsvorsitzender der SJÖ bis Nov. 04
Wir wissen woher wir kommen. Wir wissen, wohin wir wollen!
Auf ihrem 30. Verbandstag hat die Sozialistische Jugend Österreichs ein neues Grundsatzprogramm beschlossen. Das neue Programm ist Ausdruck einer Standortbestimmung unserer Organisation, es ist aber auch Ausdruck einer wieder gefundenen inhaltlichen Stärke, ein Kennzeichen eines wachsenden politischen Bewusstseins in unserer Organisation.
Das ist für unseren politischen Kampf in mehrerlei Hinsicht entscheidend. Denn die Phase der "Entideologisierung" in unserer Bewegung seit den 80er-Jahren geht nicht zufällig einher mit dem Aufstieg des Neoliberalismus, wachsender Arbeitslosigkeit, den Angriffen auf den Sozialstaat, das Bildungssystem und die Organisationen der arbeitenden Menschen. Die sozialistische Bewegung hat vorübergehend aufgehört, Visionen zu entwickeln und an deren Verwirklichung zu arbeiten. Das hat den Konservativen die Möglichkeit eröffnet, viele mühsam erkämpfte Fortschritte der ArbeiterInnenbewegung zu zerschlagen.
Heute ist es unsere Aufgabe, die sozialistische Bewegung aus der Verteidigung wieder in die Offensive zu bringen. Unser neues Grundsatzprogramm ist ein Beitrag zur Reideologisierung unserer Bewegung, es ist die Grundlage unserer politischen Arbeit. Dieses Programm ist in einem fast eineinhalbjährigen, sehr intensiven und breit gestalteten Diskussionsprozess, in dem alle Organisationsstrukturen eingebunden waren, entstanden. Der nächste Schritt ist es nun, unser Programm mit Leben zu erfüllen, durch eine organisatorische und politische Stärkung unserer Organisation, durch Überzeugungsarbeit in der Öffentlichkeit und einer praktischen Politik, die sich im Einklang mit unserem Programm befindet.
Gemeinsam werden wir es schaffen!
Freundschaft!
Ludwig Dvorak
Verbandsvorsitzender bis Nov. 06