Wir machen’s ständig! – Sexismus bekämpfen!
„Wir stellen fest, dass unsere Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dabei macht man Anstrengungen, alles zu vermeiden was zur Artikulierung dieses Konfliktes zwischen Anspruch und Wirklichkeit beitragen könnte (...) nämlich in dem man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen `Privatleben` gibt.“
Dieses Zitat stammt aus einer Rede, die Helke Sander im September 1968, dem Jahr in dem die deutschen Studierenden Barrikaden bauten und ihre Proteste die Gesellschaft erschütterten, auf der 23. Konferenz des Sozialistischen Deutschen StudentInnenbundes (SDS) gehalten hat. Es beschreibt den Kern eines Problem, mit dem wir bis heute zu tun haben.
Kern dieses Problems ist die nach wie vor allgegenwärtige Ungleichheit der Geschlechter und Sexismus, der nach wie vor Bestandteil der gesellschaftlichen Schieflage ist. Eine Schieflage, die sich quer durch alle Bereiche unseres Lebens zieht und sich auch in der SJ widerspiegelt. Von A wie Ausbildung (z.B. nach wie vor gibt es klassische „männliche“ und „weibliche“ Lehrberufe) bis Z wie Zusammensetzung der Führungsgremien (bis heute gibt es einen deutlichen Überhang von Männern in den Chef(innen)etagen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft).
Als Sozialistische Jugend haben wir in den letzten Jahren Geschlechterrollen in unserer Organisation thematisiert. Vor allem Genossinnen haben sich in diesem Zusammenhang bemüht, mit Workshops, Aktionen, Veranstaltungen tradierte Sichtweisen auch innerhalb der SJ zu thematisieren. Der neue Schritt, der nun in diesem Zusammenhang passiert, ist unsere Anti-Sexismus-Initiative: „Er macht’s ständig! – Frauen respektieren“. Wir wollen damit klar aufzeigen, dass für eine (geschlechter)gerechte Gesellschaft nicht nur Frauen kämpfen müssen, sondern auch Männer Verantwortung tragen.
Anspruch und Wirklichkeit
Die SJ bekennt sich zu feministischen, antisexistischen Grundsätzen und steht dennoch nicht außerhalb der Gesellschaft. Auch uns ist eine Rolle anerzogen worden, auch uns prägt das Verständnis davon, wie in unserer Gesellschaft „Frau“ und „Mann“ zu sein haben. Mit der SJ-Mitgliedschaft können natürlich nicht von einen Tag auf den anderen all diese anerzogenen und angewöhnten Vorstellungen überwunden werden. Das führt dazu, dass Sexismus innerhalb unserer Organisation, sowohl auf der persönlichen als auch auf der strukturellen Ebene, vorhanden ist.
Verstehen statt falscher „political correctness“
Bis jetzt wurde Sexismus vor allem von den Frauen in der SJ thematisiert. Oft mit den Argumenten, dass das falsch ist, und wir Sexismus in der SJ nicht haben wollen. Eine Diskussion darum, was Sexismus ist, und warum das falsch ist, hat weniger oft stattgefunden. Man(n) begnügte sich damit, besagte Sprüche eben nicht mehr in der Nähe jener, die ihn kritisiert haben zu erzählen und ein Lippenbekenntnis zur „Gleichberechtigung“ abzugeben. Das löst jedoch nicht unser Problem und verändert weder die Gesellschaft noch unsere Organisation.
Und genau hier soll unsere Initiative ansetzen. Es geht nicht um „Political Correctness“, ein „feministisches Spaßverbot“ oder das Beschimpfen einzelner. Es geht darum zu verstehen, dass Sexismus verletzt und herabwürdigt, dass Sexismus Frauen und Männer einschränkt und reduziert, dass Sexismus der SJ Potenzial nimmt. Und wenn wir als Organisation für eine gerechte Gesellschaft kämpfen, kämpfen wir gegen Sexismus und für Geschlechtergerechtigkeit. Das eine geht nicht ohne das andere.
(Selbst-) Erkenntnis als erster Schritt zur Veränderung
Ein erster Schritt wurde mit der Klausur des Verbandsvorstandes mit der Frauenpolitischen Kommission im Juni 2006 und dem auf dem Verbandstag 2006 beschlossenen Antrag gesetzt. Die dazugehörige Kampagne, die - relativ einmalig in der Geschichte der SJ - nicht auf Außenauftritt und -werbung angelegt ist, sondern nach innen wirken soll, wird den Antrag und die Diskussion nun auch in unserer Strukturen tragen. Pickerl, Flyern, Folder, Plakate und Schulungskonzepte werden beim Kampagnenstart auf der Bildungswerkstatt präsentiert werden.
In einem weiteren Schritt soll das Thema von der Landesebene in die Orts- und Bezirksgruppen getragen werden. Schulungstage, Infoabende und Aktionstreffen sollen dazu führen, dass FunktionärInnen ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. In jedem Bundesland werden Antisexismus-Peers beiden Geschlechts ausgebildet, die als AnsprechpartnerInnen zur Verfügung stehen. Sie werden die inhaltliche Auseinandersetzung begleiten und dazu beitragen, Alltagssexismus zu erkennen und argumentativ zu entkräften.
Das Private...
All diese Bemühungen sollen den zu Beginn zitierten Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit auflösen. Wir sind nicht entweder politische Personen oder Privatpersonen, die in unterschiedlichen Rollen unterschiedliche Meinungen und Ansichten vertreten. Wir sind immer beides. Unser Kampf für eine gleiche Gesellschaft kann nicht bei uns aufhören, sondern er fängt bei jedem und jeder einzelnen von uns an. Nur, wer sich persönlich mit diesen Fragen auseinandersetzt und nicht nur am Gruppenabend sondern sich in jeder Situation, in der Sexismus auftritt, für Gleichberechtigung stark macht, kann Diskriminierung in der Gesellschaft effektiv bekämpfen!
…Ist noch immer politisch!
Frauen machen mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Eine Tatsache, die sich nicht auf allen Ebenen unserer Gesellschaft wieder findet. Auch in der Sozialistischen Jugend spiegeln sich die ungleichen Geschlechterverhältnisse wider. Der Großteil unserer Funktionen liegt in männlicher Hand. Doch handelt es dich dabei nicht um ein Naturgesetz á la „Frauen wollen/können keine Verantwortung übernehmen“, sondern ist, wie schon dargestellt, Teil der Prägung und Bildung, die wir durch Eltern, Schule, Freunde, etc. erfahren, oder wie es die bekannte Feministin Simone de Beauvoir formulierte: „Wir werden nicht als Frau (bzw. Mann) geboren, sondern dazu gemacht.“
Den Erwartungen, wie ein „richtiger Mann“ oder eine „richtige Frau“ zu sein hat, müssen wir nicht entsprechen. Ein reflektierter Blick auf Rollenzwänge der Geschlechter eröffnet neue Perspektiven.
Aber auch ein zweiter Aspekt ist für uns von zentraler Bedeutung: Gelingt es uns, innerhalb der SJ ein Klima zu schaffen, in dem sich auch Neueinsteigerinnen und nicht nur Neueinsteiger wohl fühlen, so gewinnt die ganze Organisation: Mehr Frauen, die sich in die SJ einbringen, mehr weibliche Mitglieder, die sich etwas zutrauen und denen etwas zugetraut wird, bedeutet gleichzeitig auch, dass doppelt so viele Menschen mit Energie und Potential die SJ weiterentwickeln und stärken. Das ist eine Chance, die wir nicht versäumen dürfen. Mit der Initiative wollen wir einen ersten Schritt in diese Richtung setzen.
Und weiter?
Natürlich braucht es darüber hinaus eine konstante Entwicklung von Maßnahmen, einen weiteren Diskussionsprozess über Geschlechterverhältnisse in- wie außerhalb der Sozialistischen Jugend und der Aufgaben, die sich daraus für uns ableiten. Als zwei wichtige Bereiche hat der Verbandsvorstand bereits als zukünftige Aufgaben festgehalten: Die krasse Unterrepräsentanz von Frauen in Funktionen der SJ zu verändern und die frauenpolitische Arbeit zukünftig stärker als Anliegen und Verantwortung der Gesamtorganisation zu tragen.
Für eine starke, antisexistische Sozialistische Jugend!
Stefanie Vasold
Torsten Engelage
Trotzdem Dezember 2006
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