Donnerstag 9. Februar 2012
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Bildungspolitik

Bildungshürden für MigrantInnen


Kinder aus MigrantInnenfamilien haben es noch immer viel schwerer, eine gute Ausbildung zu absolvieren, was ihre Chancen im Berufsleben deutlich reduziert. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Die österreichische Politik ist davon ausgegangen, dass Menschen für eine Zeit lang zum Arbeiten nach Österreich kommen und dann wieder in ihre Heimatländer zurückgehen. Daher auch die Bezeichnung „Gastarbeiter“ für diese Menschen. Doch viele dieser „Gastarbeiter“ blieben in Österreich und holten auch ihre Familien nach, bzw. gründeten hier neue. Da sich Österreich nicht als Einwanderungsland sah – und auch heute noch nicht sieht – war man auf das Kommen von ausländischen Schulkindern nicht vorbereitet. Auf das dadurch entstehende Problem wurde erst sehr spät und nicht adäquat reagiert. Spezielle Förderungen für diese Kinder gab es zuerst keine.

Zu wenig Sprachförderung

Jugendliche, die nach Österreich kommen und noch schulpflichtig sind, müssen diese Schulpflicht erfüllen. Da viele dieser Jugendlichen kaum Deutsch sprechen, ergeben sich große Probleme. Die Schulen können diesen Jugendlichen nicht das bieten, was diese benötigen, nämlich Kurse, in denen sie Deutsch lernen können. Seit dem Schuljahr 1992/1993 gibt es Förderkurse für Jugendliche mit nicht-deutscher Muttersprache im Regelunterricht, diese sind aber unzureichend. Dazu kommt noch, dass bei der LehrerInnenausbildung in den Pädagogischen Akademien Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache keine verpflichtende Lehrveranstaltung ist.

Mit den Bildungseinsparungen und den Pensionierungen von LehrerInnen ohne deren Nachbesetzung hat sich die Lage in den letzten Jahren noch weiter verschärft. Es fehlen ZweitlehrerInnen für Klassen, in denen es sehr viele SchülerInnen mit nicht-deutscher Muttersprache gibt. Die Folge ist, dass viele von diesen Jugendlichen einfach ein Schuljahr verlieren, weil sie dem Unterricht nicht folgen können. Sie erhalten dann ein Zeugnis mit vielen nicht beurteilten Fächern. Nach der Beendigung der Schulpflicht stehen sie dann ohne Pflichtschulabschluss da und können daher nicht in eine weiterführende Schule gehen.

Schwierige Nostrifizierung

Um in Österreich eine, der im Ausland erworbenen Ausbildung, entsprechende Arbeitsstelle zu erhalten, ist die Nostrifizierung der im Ausland erworbenen Diplome und Zeugnisse notwendig. Nostrifizierung bedeutet nichts anderes als die Anerkennung dieser im Ausland erworbenen Abschlüsse. Um seine/ihre Zeugnisse oder Diplome nostrifizieren zu lassen muss mensch diese auf Deutsch übersetzen lassen und dann zur zuständigen Stelle bringen. Diese Stelle ist für die meisten schulischen Abschlüsse das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Die Nostrifizierung beruht auf einen Vergleich der österreichischen Lehrinhalte mit den Lehrinhalten des jeweiligen Herkunftslandes. Sehr oft müssen Fächer nachgeholt werden. Diese Prüfungen sind dann beim jeweiligen Landesschulrat bzw. Stadtschulrat für Wien abzulegen. Das Problem hierbei ist, dass ausländische Bildungsabschlüsse zu selten anerkannt werden. Je weiter das Ursprungsland von Österreich weg ist, desto schwieriger wird eine Anerkennung.

Zwang zur frühen Erwerbstätigkeit

Auch MigrantInnenkinder, die von Beginn ihrer Schulkarriere an, in Österreich in die Schule gehen, haben geringere Bildungschancen. „Sag mir den Beruf deiner Eltern und ich sage dir deine Ausbildungschancen“. Dieser Spruch trifft hier voll zu. Ein Schulsystem, welches mit 10 Jahren selektiert, benachteiligt Kinder von „bildungsfernen“ Schichten. Dazu kommt noch, dass diese Kinder und Jugendliche früher unter dem Druck stehen, zum Familieneinkommen beizutragen. Daher sind MigrantInnen in ihrem Bildungsverhalten viel mehr berufsorientiert. Im Schuljahr 2002/2003 waren 9,4 % aller SchülerInnen, Kinder mit nicht-österreichischer StaatsbürgerInnenschaft. An Polytechnischen Schulen lag der Anteil bei 14,2 %, an Berufschulen bei 8 %, während er in der AHS (Gymnasium) bei lediglich 5,7 % lag.

Hoher Anteil in Sonderschulen

Der Anteil von Kindern mit nichtösterreichischer StaatsbürgerInnenschaft an Sonderschulen betrug im Schuljahr 2002/2003 19,2 %. Dieser hohe Anteil ist sehr bedenklich, denn die Chancen von früheren SonderschülerInnen am Arbeitsmarkt sind sehr gering. Der hohe Anteil erklärt sich dadurch, dass noch immer sehr viele Kinder aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse in die Sonderschule abgeschoben werden.

Zusammenfassend lassen sich grob zwei Problemschwerpunkte im österreichischen Bildungssystem finden, die MigrantInnen eine Bildungskarriere erschweren. Da ist einerseits das Faktum, dass Bildungswege von Kindern und Jugendlichen, die neu nach Österreich kommen nicht linear, sondern durch Brüche gekennzeichnet sind. Hier bietet das österreichische Schulsystem den Menschen wenig Raum zur Integration. Der zweite große Problemkomplex ist die Nichtdurchlässigkeit des Bildungssystems. Kinder von Personen, die selbst relativ geringe Bildungsabschlüsse haben, können sich besonders schwer in einem selektiven Schulsystem durchsetzen.

Lösungsansätze

Um Kindern mit nicht-österreichischer StaatsbürgerInnenschaft mehr Bildungschancen zu geben, sind verschiedene Maßnahmen notwendig. Einerseits muss die Integration, der neu nach Österreich kommenden Kindern und Jugendlichen in das Schulsystem erleichtert werden. Dazu benötigt man mehr spezielle Förderungen (wie z.B.: Deutschkurse, Alphabetisierung,...) in der Regelschule und eine bessere Anerkennung ausländischer Schulabschlüsse. Es darf auch nicht passieren, dass ausländische Kinder aufgrund ihrer Deutschkenntnisse in Sonderschulen abgeschoben werden. Neben dem Regelschulsystem muss diesen Jugendlichen auch verstärkt die Möglichkeit geboten werden, um im zweiten Bildungsweg Pflichtschul- und höhere Schulabschlüsse nachzuholen.

Dazu müsste man zum Beispiel die Gesamtschule aller 6-14-Jährigen einführen. Das würde Kindern von „bildungsfernen Schichten“ viel höhere Bildungschancen geben. Weiters müssen alle finanziellen Hürden (wie z.B.: Studiengebühren, Gebühren für den 2. Bildungsweg,...) aus dem Bildungssystem eliminiert und ein besseres Stipendiensystem eingeführt werden. Das würde auch dem Zwang zur frühen Erwerbstätigkeit entgegenwirken.

Senad Lacevic
Trotzdem November 2005

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