"Das ägyptische Freiheitserdbeben hat Folgen für den ganzen nahen Osten“
Trotzdem: Präsident Hosni Mubarak ist seit dem 12. Februar 2011 Geschichte. Wie schätzen Sie das 30 Jahre lang andauernde Regime Mubarak ein?
Baroud: In seinen ersten zehn Jahren als Präsident war Mubarak durchaus beliebt. Er wurde Präsident in sehr heiklen und turbulenten Zeiten (Ermordung von Präsident Sadat), es galt einerseits Terrorgefahren abzuwehren und andererseits Infrastruktur aufzubauen. Nach Jahren des Kriegszustands (Jom-Kippur-Krieg) und einer schnell anwachsenden Bevölkerung hat es an allem gemangelt: an Schulen, Straßen, Telekommunikation, Wasserleitungen, Wohnungen. Alles wurde zuvor wegen dem Krieg hintangestellt. Durch den Wiederaufbau gewann er Akzeptanz im Volk.
Anfang der 1990er Jahre versprach Mubarak, nur zwei Perioden im Amt zu bleiben. Da hat er sein Wort nicht gehalten, man hat gesehen, Macht ist attraktiv. Ein paar Ereignisse, wie die Terroranschläge von Luxor 1997, sicherten ihm dennoch Unterstützung unter der Bevölkerung. Ende der 90er Jahre tauchte eine neue Figur, sein Sohn, in der politischen Arena auf. Er versammelte ein paar Geschäftsleute um sich, versprach eine Modernisierung Ägyptens und gewann langsam an Macht in Politik und Wirtschaft. Mubarak setzte immer mehr auf eine liberale Wirtschaftspolitik - also z.B. Privatisierungen im öffentlichen Sektor.
Dies kostete unzähligen ArbeitnehmerInnen ihre Arbeitsplätze, viele ArbeiterInnen wurden entlassen, in Frühpension geschickt. Das waren die negativen Nebeneffekte der Wirtschaftsreformen. Die Preise stiegen ständig, die Einkommen aber nicht, die Umstrukturierung der industriellen Anlagen und Firmen warf soziale Schatten auf die Gesellschaft. Stark vernachlässigt wurde auch der Bildungsbereich und die Schulpolitik: Ägyptische Eltern müssen zusätzlich finanzielle Mittel für Nachhilfe-Privatunterricht aufwenden, weil man in der Schule nichts mehr lernt. Da ist ein eigener Wirtschaftszweig entstanden. Parallel dazu wurden die Geschäftsleute, die das Wirtschaftsleben lenkten, immer reicher. Die Lücke zwischen Arm und Reiche ist sehr, sehr groß geworden.
In den letzten Jahren vermischte sich diese soziale Unzufriedenheit mit einer großen Ablehnung gegenüber dem als Nachfolger gehandelten Sohn Mubaraks, der ja auch mit der liberalen Wirtschaftspolitik verbunden wird. Die Verfassung wurde maßgeschneidert auf seinen Sohn als Nachfolger geändert, wogegen viele ägyptische Intellektuelle und Oppositionelle protestierten. Auch die Presse äußerte sich zunehmend kritisch in den letzten fünf bis sechs Jahren. Sie erlebte eine rebellierende Blütezeit, was die Pressefreiheit betrifft.
Das Mubarak-Regime verfolgte eine Politik nach dem Motto "Die Leute sollen schreiben und sagen, was sie wollen - zum Schluss machen wir, was wir wollen". Mubaraks Strategie war, vor einer Destabilisierung durch rebellierende Kräfte wie die Muslimbrüder oder die AlQaida zu warnen. Damit sollte eine Angstsituation verbreitet werden, damit sich die Leute mit dem zufriedengeben, was sie haben oder was sie nicht haben. Lieber weiter mit Mubarak statt eine ungewisse Zukunft mit der Muslim-Bruderschaft. Aber Mubarak hat die Sorgen des Volks überhört, weil er nur über seine Leute im Sicherheitsapparat Information bezieht.
Trotzdem: Welche Rolle spielt(e) das Militär?
Baroud: Das Militär hat, meiner Meinung nach, weitsichtiger reagiert als die politische Elite. Die Armee besteht nicht aus Söldnern aus dem Ausland, sondern aus ägyptischen Vätern und Söhnen. Sie leben im Volk, nicht auf einer isolierten Insel; sind keine bezahlten Killer oder Kämpfer, sondern Teil der Gesellschaft. Jeder von ihnen hat in seiner Familie und Verwandtschaft erlebt, wie sehr die Menschen die ganze Zeit gelitten haben. Daher hatten sie Verständnis für die Anliegen der Protestierenden. Sie haben gewusst, dass es nur zur Katastrophe führen kann, wenn es zu einer Konfrontation zwischen Militär und Volk kommt. Das Militär hat sich für Stabilität und Sicherheit entschieden.
Trotzdem: Wie konnte ein derartiges revolutionäres Potential in Ägypten entstehen? Welche Entwicklungen und Zustände lösten die Proteststimmung unter der Bevölkerung aus?#
Baroud: Die Unzufriedenheit vor allem unter den Jugendlichen, aber auch unter den Älteren und generell quer durch viele Schichten, wurde immer größer. Die Jugendlichen, die nicht mehr unter erzieherischem Einfluss ihrer Eltern stehen, haben durch das Internet und Facebook neue Welten kennengelernt und sich mit einer internationalen, modernen Kommunikationstechnologie von ihren Eltern entfesselt. Somit wurde die Jugend stärker global erzogen. Das ägyptische Volk brachte zum ersten Mal in der Geschichte eine Revolution zustande, mithilfe neuer Kommunikationsmittel.
Die Leute haben sich kennengelernt, ohne sich je begegnet oder getroffen zu haben. Sie waren im Gedankengut vereint und haben sich motiviert, einen ersten Schritt gegen die Missstände und das Regime zu unternehmen. Sie haben sich für die Straße entschieden. Sie marschierten von jeder Richtung, vereint. Da das Regime eine so dicke Haut entwickelt hat, wurde die Latte der Protestierenden immer höher. Irgendjemand musste ja einmal anfangen zu protestieren.
Die Jugendlichen wollten für ihre Eltern anfangen, für sich selbst, aber auch für ihre Kinder in der Zukunft. Und sie wurden dabei auch von ihren Eltern unterstützt und bekräftigt. Das ägyptische Volk war noch nie so vereint. Bei den Protesten gab es keinen Unterschied zwischen Moslems und ChristInnen, zwischen Mann und Frau, zwischen religiösen oder unreligiösen Menschen. Alle haben ein besseres Ägypten vor sich gesehen.
In diesen 3 Wochen gab es keine Diebstähle, keine Belästigung der Frauen auf der Straße, obwohl Massen auf der Straße waren. Frauen und Männer waren gemeinsam auf der Straße, haben dort geschlafen, in Zeltern gelebt, ihren Alltag dort verbracht, obwohl sie sich vorher nicht kannten. Sie harmonierten für eine gemeinsame Sache.
Trotzdem: Wie geht es jetzt weiter?
Baroud: Die Übergangszeit von einem halben Jahr ist notwendig, um eine neue Verfassung zu schreiben, neue Wahlen durchzuführen, die international beobachtet werden sollten und um die Korruption unter den Geschäftsleuten und in der Politik ans Tageslicht zu bringen. Die Leute sollen sehen, was die Superreichen mit dem Brot der Bevölkerung gemacht haben. Während einige wenige über Milliardenkonten verfügten und immer fetter und reicher wurden, waren die ägyptischen Eltern in Sorge um die Ausbildung ihrer Kinder. Ich finde es sehr positiv, dass das ägyptische Volk seine kultivierte Seele wieder gewonnen hat. Wir wollen frische Luft atmen, die nicht von Korruption und Machtmissbrauch verschmutzt ist!
Trotzdem: Europäische Medien nennen oftmals den ehemaligen Atombehörde-Chef ElBaradei als Alternative zu Mubarak und möglichen neuen Präsidenten. Wie sind seine Chance und bedeutet er wirklich eine Alternative?
Baroud: ElBaradei war durchaus eine Art Sprachrohr im Ausland für eine neue Generation in Ägypten, die nach Reform und Demokratie strebte. Er wird aber nicht neuer Präsident, da er nicht so viel Rückhalt in der Bevölkerung hat. Er kennt den Alltag der Ägypterinnen und Ägypter nicht, er gehört zu einer intellektuellen Elite, die vom einfachen Volk weit entfernt ist. Das ist nicht die Führung, die Ägypten jetzt braucht.
Trotzdem: Welche Rolle spielten die Gewerkschaften in der Protestbewegung?
Baroud: Die Gewerkschaften waren sehr schwach und standen auch unter Einfluss der Regierung. Der Präsident des Gewerkschaftsbunds hat noch einen oder zwei Tage vor Mubaraks Rücktritt gemeinsam mit der Arbeitsministerin eine Erklärung verlautbart, die ArbeiterInnenschaft stehe hinter Mubarak. Teile der Gewerkschaft gingen sogar für Mubarak demonstrieren. Hunderttausende ArbeiterInnen waren aber gegen das Regime auf der Straße, nur ihre Vertretung und Führung war korrupt.
Trotzdem: Gibt es eine ernstzunehmende Linke in Ägypten?
Baroud: Es gibt linke Parteien in Ägypten, aber viele der 24 ägyptischen Parteien haben ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verloren. Manche von ihnen haben sich mit dem Mubarak-Machtapparat arrangiert. Jetzt wird das Volk aussieben, wer für das Mubarak-Regime agiert hat und wer dagegen. Die Parteien müssen sich mehr oder weniger reinigen in der Übergangszeit. Sie waren immer ziemlich schwach, es hat ja auch keine Versammlungsfreiheit gegeben. In der Realität konnten die Parteien nichts ändern. Nur die Jugendlichen haben diese Änderung nun herbeigeführt.
Trotzdem: Das Schreckgespenst der Muslim-Bruderschaft geht seit Wochen durch die Medien. Besteht eine ernstzunehmende "islamistische Bedrohung" á la Iran?
Baroud: Es besteht keine Gefahr eines fundamentalistischen Umschwungs. Die islamische Bewegung hat in Ägypten eine Anhängerschaft von 10-15, maximal 20 %. Selbst wenn die Muslim-Brüderschaft nach freien Wahlen an die Macht kommt, braucht sich Europa nicht groß aufzuregen. Immerhin wird mindestens 2/3 von Europa von Rechtsparteien und Konservativen regiert. Und warum spricht keiner über die rechtsradikale Partei, die in Israel in der Regierung sitzt? Auch die Muslimbrüder oder die islamischen Parteien haben verstanden, dass sich das Volk immer erheben kann.
Der Aufstand war eine Warnung und Lektion für alle, die Macht missbrauchen könnten. Das Volk kann immer wieder auf die Straße gehen, es wird von der ganzen Welt unterstützt - man kann nicht mehr ein Volk gegen seinen Willen regieren. Im ganzen nahen Osten wird das ägyptische Freiheitserdbeben Folgen haben.
Das Interview führte Boris Ginner










