FIGHT AIDS, NOT PEOPLE WITH AIDS!
Einige Überlegungen zu HIV/AIDS und der von der SJÖ geplanten wie umgesetzten aktuellen Kampagne der International Union of Socialist Youth (IUSY)
“I've seen the needle and the damage done A little part of it in everyone But every junkie's like a setting sun”
So lauten die letzten drei Strophen eines der Lieblingslieder meiner frühen Jugend. Sie sind mir unweigerlich eingefallen, als ich darüber nachdachte, wie ich diesen Artikel zu AIDS schreiben sollte.
Ich glaube, jedeR von uns hat bestimmte Assoziationen bzw. Assoziationsketten zu bestimmten Themen. Diese sind jedoch nicht zufällig, sondern haben sehr viel mit dem herrschenden Diskurs zu tun, mit dem die Mächtigen den weniger Mächtigen ihre Sicht der Dinge vermitteln wollen. Meine Schulzeit und somit der Zeit der großen „Aufklärung“ lag in den 80er und 90er Jahren.
Damals mussten wir alle verpflichtend die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ lesen, mit anschließendem Drogenunterricht, was im Übrigen auf einige von uns, unter anderen mich dummerweise eher faszinierend als abschreckend wirkte. Sie schleppten uns in Filme wie Philadelphia mit Tom Hanks, und selbst in Englisch pilgerten wir in den British Bookshop um uns den Bericht einer AIDS-kranken Frau für den Unterricht zu kaufen.
Wir selbst sahen in unserer Freizeit Filme wie Trainspotting, in welchem der anfangs ach so drogenresistente, nette Typ letztlich an Immunschwäche starb. Und so en passant „lernten“ wir damit einiges über die Krankheit AIDS: Dass AIDS mit Drogen und zuweilen mit Homosexualität und natürlich mit ungeschütztem Sex zu tun hat. Vor allem letzteres wurde uns ganz schön eingehämmert, und ich wage mal zu behaupten, dass unsere Generation definitiv gelernt hat mit Kondomen umzugehen und keine Scheu mehr davor gehabt hat.
Vor allem bei den pubertierenden Jungs, die ohnehin noch keinen Sex hatten, galt es als verdammt cool, ein Kondom, wenn auch unnütz, mit sich herum zu tragen. Wie es sich mit den Mädchen, die auf Männer trafen, verhielt, bei denen derartige Utensilien durchaus nicht unnütz gewesen wären, die aber „viel zu sehr Mann“ dafür waren, ist wieder eine andere Geschichte. Und wohl heute nicht viel anders als damals.
Ja und dass das Ganze schon ziemlich ungerecht ist, in dem Sinne, dass es einige trifft, andere wieder nicht, wie alle schlimmen Krankheiten eigentlich, dachten wir uns damals dann doch auch. Viel mehr hatten meine SchulkameradInnen und ich dann aber schon wieder nicht damit zu tun. Ja, mal abgesehen von der großen öffentlichen Debatte Anfang der 90er-Jahre um ein kleines HIV-infiziertes Mädchen, das nicht in den Kindergarten zu den anderen Kindern durfte. Das empfanden dann schon einige als wirklich ungerecht. Schließlich konnte ein Kind ja nichts dafür, so das Argument derjenigen, die ich für damalige Verhältnisse als progressiv bezeichnen würde. Jedenfalls wurde bei dieser Gelegenheit heftig diskutiert, wie man sich denn nun eigentlich wirklich mit AIDS anstecken könne.
Alles in allem bin ich damit in einer Zeit groß geworden, die so meine Wahrnehmung, weit mehr über AIDS diskutiert hat, als dies zuweilen heute der Fall ist. Mitunter wohl auch aufgrund der zeitlichen Nähe zur ersten mit 1981 datierten AIDS-Diagnose.
Dass AIDS mit ungerechter Verteilung von Reichtum zu tun hat, oder dass AIDS sehr viel mit Geschlechterverhältnissen und Diskriminierung von Frauen zu tun hat, das hatte, jedenfalls uns, damals niemand gesagt. So wie alle Krankheiten umringte auch AIDS eher das „Schicksalshafte“ – ähnlich wie ach so schreckliche, aber leider unvermeidbare Hungersnöte – das man zwar durch Kondome etc. verhindern könnte, doch das nun wirklich nichts mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun habe. Ja vielleicht noch insofern, als dass die Krankheit ein Tabu war/ist, das es zu brechen gilt, um HIV-infizierte Menschen aus ihrer gesellschaftlichen Isolation zu holen.
Aber weiter ging diese wahrlich fundamentale Kritik dann auch schon nicht. Vielleicht hat all das mit dem zu tun, dass sich die wenigsten Linken von heute, selbst bei hohem politischem Bewusstsein, explizit mit Krankheiten wie AIDS beschäftigen. Die Bekämpfung von AIDS ist, wenn überhaupt, ein Allerweltsthema, wie „Gerechtigkeit für Afrika“. Wollen alle: Bush wie Blair, zumindest solange es nicht darum geht, die grundlegenden Ursachen zu bekämpfen, sondern lediglich die Symptome.
Dass AIDS aber de facto eine hochpolitische Frage und sehr wohl auch eine von Links und Rechts ist, das möchte die aktuelle Kampagne der IUSY thematisieren, die hauptverantwortlich von der SJÖ, im Rahmen ihrer VizepräsidentInnenschaft, getragen wird.
Denn es kommt nicht von ungefähr, dass die ärmsten Regionen der Welt am stärksten von AIDS betroffen sind: Alleine im Jahr 2003 wurden 3 Millionen Menschen in Sub-Sahara- Afrika neu infiziert. 2/3 aller mit HIV infizierten Personen lebt in dieser Region. Im Gegensatz dazu, leben in den Ländern mit hohem Einkommen geschätzte 1,6 Millionen von den insgesamt 38 Millionen mit AIDS.
Es kommt nicht von ungefähr, dass im Gegensatz zum reichen Europa, in den so genannten Entwicklungsländern, nur 7 % der Leute, die antiretrovirale Behandlung benötigen, diese auch bekommen.
Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade die Länder, die am meisten von AIDS betroffen sind und gute funktionierende Gesundheitssysteme bräuchten, diese in Zeiten der neoliberalen Globalisierung und Kürzung von Sozialleistungen nicht zur Verfügung haben.
Es kommt nicht von ungefähr, dass Frauen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung oft nicht in der Lage sind, Nein zu sagen, sich einem Mann sexuell zu verwehren; dass Frauen die häufig, nicht die Möglichkeit haben ein gewaltfreies Leben zu führen, Ressourcen und Freiheiten zu haben, sich und ihre Kinder zu informieren und zu behandeln, eine der größten Risikogruppen darstellen. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Zeiten neokonservativer Restaurierung, immer weniger über sexuelle Aufklärung gesprochen wird. Auf das alles und noch mehr möchte die Kampagne der IUSY hinweisen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil AIDS weitaus stärker als viele andere Krankheiten vor allem junge Menschen betrifft: Die Hälfte aller neu infizierten Menschen ist zwischen 15 und 24 Jahre alt.
Die SJÖ hat dazu u.a. eine eigene Kampagnenhomepage erstellt, die grundlegende Informationen zu AIDS beinhaltet, und auf der alle erstellten Materialen der IUSY dazu frei zugänglich sind. Zusätzlich bietet die Homepage einen Ort der Vernetzung: Links, Aktionen und Veranstaltungen zu AIDS können angegeben und eingesehen werden. Die Homepage ist im Netz unter www.fight-aids.org abzurufen. In diesem Sinne: Fight AIDS, not people with AIDS! Weil AIDS ganz sicher kein Schicksal ist, und weil es weit mehr mit Machtverhältnissen zu tun hat, als uns zuweilen zu vermitteln versucht wird.
Leila Hadj-Abdou
Trotzdem November 2005
Linktipp:
www.fight-aids.org










