CHILE
Revolten auf der Straße
Jede Woche, seit Beginn der Studentenbewegung die von der FECH, der Föderation der Studierenden Chiles, geleitet wird, legen Demonstrationen die Hauptstadt meines Heimatlandes Chile lahm. Oft eskalieren diese und es kommt zu erhebliche Sachschäden, Plünderungen und verbarrikadierten Straßen. Meist dauert es nicht lange bis die Sondereinheiten der Polizei eintreffen. Mit Wasserwerfern und Schlagstöcken bewaffnet rücken sie den Demonstrierenden zu Leibe und im daraus resultierenden Chaos wird nicht mehr zwischen friedlichen und aggressiven DemonstrantInnen unterschieden. Jede Woche kommt es erneut zu Massenfestnahmen und in der darauffolgenden Woche kommt es erneut zu Demonstrationen. So sah und las ich es in den Zeitungen und dem Fernseher. Nun aber habe ich mich mit einer Freundin aus Chile in Verbindung gesetzt um die Hintergründe zu verstehen.
Mit dem Studium in die Verschuldung
Sie erzählte mir, dass sie erst nächste Woche erfahren wird ob sie nun auch dieses Semester verlieren wird. Nach bereits fünf Monaten, die die Fakultät für Recht der Universität Chile im Streik verbracht hat, weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Nur eins ist sicher die 5.000 Euro, die ihre Eltern jährlich zu bezahlen haben, sind auch dieses Jahr wieder fällig. Ob der Unterricht nun stattfindet oder nicht - bezahlt wird im Voraus und Rückerstattung gibt es keine. Und hiermit kommen wir zum eigentlichen großen Problem: 3 Millionen Chilenische Pesos im Jahr, umgerechnet etwa 5.000 Euro. Eine exorbitant hohe Summe für die allermeisten chilenischen Familien.
Die Realität, die eineN StudentIn aus einer typischen Mittelschichtfamilie erwartet, sieht denkbar traurig aus. Studierende müssen bei einer privaten Bank einen Kredit aufnehmen, um nach Abschluss des Studiums damit zu beginnen, die ersten Quoten zu zahlen. Scheck für Scheck, Jahr für Jahr. Wie meine Mutter, die ihren Kredit erst vor zwei Jahren zur Gänze abbezahlen konnte. Als Englischlehrerin an einer Privatschule musste sie nun 20 Jahre ihres Lebens ihre Schulden zurückerstatten. Die Banken freuen sich. Und von privaten Universitäten ganz zu schweigen, dort wird man erst recht zur Kasse gebeten - Geld zählt mehr als Fähigkeit oder Beherrschen von Lernstoff. Mit einer dicken Brieftasche kommt man beinahe zu einem erkauften Titel.
Einigung nicht in Sicht
Um zum Thema der SudentInnenbewegung zurückzukommen möchte ich auf ihre Hauptforderung eingehen. Die Abschaffung jeglicher Studiengebühren bis nächstes Jahr. Für diese Forderung sind einige Gesetzesänderungen notwendig, für die es - laut Regierung - Zeit braucht. Die konservativ-neoliberale chilenische Regierung hat nun sogar ExpertInnen damit beauftragt, eine mögliche Umsetzung zu "prüfen". Diese kamen allerdings zum Ergebnis, dass der Zeitraum bis 2012 zu kurzfristig sei und das chilenische Budget eine völlige Abschaffung aller Studiengebühren nicht verkraften würde. Trotz vieler Gespräche kam es nicht zuletzt wegen des engen Zeitplans, den die FECH fordert und der sturen Herangehensweise der Regierung zu keiner Einigung.
Die größten Missstände wären aber auch mit Abschaffung der hohen Studiengebühren nicht behoben. Das würde nur an der Oberfläche des chilenischen Bildungsproblems kratzen. Dieses sitzt tiefer, besser gesagt früher. Denn schon die Grundschulen sind getrennt in schlechte staatliche und mehr oder wenig gute private Schulen. Dieser Weg lässt sich so bis in die höheren Schulen weiterverfolgen. So schaffen schlussendlich beinahe nur AbgängerInnen privater Schulen die schwierigen Aufnahmetests den wenigen Universitäten mit gutem Bildungsniveau. Diese sind im Gegensatz zu den Schulen zu einem großen Teil in staatlicher Hand. Aber praktisch nur den "Privilegierten" ist es gegönnt, Universitäten zu besuchen.
Chilenisches Roulette
Diese Schere zwischen Arm und Reich zeigt sich besonders gut an der PSU, der chilenischen Matura. PrivatschulabsolventInnen erreichen laut offiziellen chilenischen Statistiken ca. 100 Punkte mehr als andere. Wobei diese 100 Punkte darüber entscheiden können, ob man überhaupt aufgenommen wird. Dieser Multiple-Choice-Test ist landesweit einheitlich und nach Abschluss ist dieser ein wenig mit Roulette zu vergleichen. Man wird je nach erreichter Punktzahl von den Universitäten für Studien ausgewählt. Nur mit Glück ist die Wunsch-Uni samt Wunschstudium dabei.
Ich hatte das Glück, auf eine Privatschule zu gehen, auch wenn meine Eltern nicht reich sind. Bei Tisch wurde oft darüber gesprochen, was ich einmal studieren wolle und dass dies nur mit Kredit möglich sein werde. Denn neben dem Schulgeld für meine Geschwister auch noch für die Uni aufzukommen, könnten sich meine Eltern nicht leisten. Umso weniger, wenn dann auch noch meine Schwester oder mein Bruder zu studieren beginnen würde. Im Gegensatz zu anderen Ländern studiert man in Chile nicht, was einem oder einer gefällt, sondern nur das, womit sich am meisten Geld verdienen lässt.
Wie geht es weiter?
Die FECH kämpft dafür, dass die Regierung nachgibt. Beide vertreten sehr unterschiedliche Grundsätze, die sich gegenseitig ausschließen. Währenddessen spaltet sich Chile stärker und stärker. Die Reichen werden reicher und die Armen immer ärmer und keiner unternimmt etwas dagegen. Die zahllosen Missstände in der chilenischen Bildungslandschaft sind aber nicht Produkt der Regierungspolitik der letzten Jahre, sondern eigentlich immer noch die Nachwirkungen der Militärdiktatur und der während dieser Zeit durchgepeitschten "Bildungsreformen". Schon 2008 gab es Aufstände der SchülerInnen, die für Gesetzesänderungen eintraten, um die Hinterlassenschaften der Pinochet-Diktatur (siehe Kasten) zumindest in der Bildung zu beseitigen. Jetzt befinden sich einige SchülerInnen auch in Hungerstreik, ganze Schulen wurden besetzt.
Anstatt die Anliegen der jungen ChilenInnen ernst zu nehmen, antwortet die Regierung mit einer Kriminalisierung der Proteste. Statt auf repressive Maßnahmen zu setzen, sollte die Regierung lieber die Verbesserung der Zustände an den öffentlichen Schulen und den Universitäten betreiben. Veränderungen können nur an der Wurzel des Problems, der Bildung, geschehen. Diese muss frei von parteipolitischen Interessen und ökonomischen Hürden sein und stattdessen den EinwohnerInnen des Landes die besten Möglichkeiten und Chancen eröffnen.
Camila Cáceres










