Freitag 10. September 2010
Jugendschutz vereinheitlichen
flickr myspace facebook
Link zu den Bundesländern Vorarlberg Burgenland Tirol Kärnten Niederösterreich Wien Oberösterreich Salzburg Steiermark

Inhalt:

Kultur

„Die RAF hatte keinen Einfluss auf die 68er Bewegung!“

Interview mit Uli Edel, Regisseur von „Der Baader-Meinhof Komplex“.

Trotzdem: Die Geschichte der RAF ist noch immer ein Thema, das bei vielen Menschen emotionale Reaktionen auslöst und bis heute in Deutschland nicht vollständig aufgearbeitet wurde. Warum haben Sie also gerade so eine brisante Handlung für Ihren neuen Film gewählt?

Edel: Schon in den 80igern fragte mich der Produzent Atze Brauner, ob ich nicht mit ihm einen Film über Ulrike Meinhof machen wollte. Damals war das alles für mich noch zu nah, ich wusste, ich würde mehr Abstand brauchen. Heute, über 20 Jahre später, ist genug Zeit verstrichen, mit einigermaßen klarem Kopf darüber erzählen zu können.


Trotzdem: Als im Jahr 1968 die mittlerweile berühmten Frankfurter Kaufhausbrände gelegt wurden, waren Sie 21 Jahre alt. Wie haben Sie persönlich die Zeit der ersten RAF-Generation erlebt und waren Sie selbst politisch in irgendeiner Form aktiv?

Edel: Viele Studenten waren in jener Zeit politisch aktiv. An der Uni München gingen wir dauernd zu irgendwelchen Sit-ins, Teach-ins, die politische Diskussionen veranstalteten, bei denen nur so die Fetzen flogen. Wer die radikalsten Thesen aufstellte, bekam den heftigsten Applaus. Rolf Pohle, der sich später der RAF anschloss und bei der Lorenz-Entführung aus dem Gefängnis freigepresst wurde, war damals unser ASTA – Vorsitzender. Ich las regelmäßig Ulrike Meinhofs Kolumnen, die damals für uns nicht polemisch genug sein konnten. Als sie 1970 auf dem Höhepunkt ihrer Popularität in die Illegalität abtauchte, war ich noch voller Bewunderung für sie.


Trotzdem: In letzter Zeit wurde viel über das Jahr 1968 und die Rebellion der Jugend berichtet. Inwieweit hat eben dieses Jahr und der gesellschaftliche Wandel den Weg für die RAF geebnet und wie sehr hat die RAF ihrerseits die 68er Bewegung beeinflusst?

Edel: Ich möchte behaupten, dass ohne die Erschießung von Benno Ohnesorg die Baader Meinhof Gruppe, die spätere RAF, gar nicht entstanden wäre. Der Polizist Kurras hat mit seinem Todesschuss vom 2. Juni auch den Startschuss zu dieser Eskalation gegeben. Die RAF hatte keinen Einfluss auf die 68iger Bewegung. 1970 gab es schon keine aktive Außerparlamentarische Opposition mehr, nachdem die SPD an die Macht gekommen war. Erst dann ging die Baader Meinhof Gruppe in den Untergrund und erst 71 nannten sie sich RAF.


Trotzdem: Die RAF hat bereits 1998 ihre Selbstauflösung bekannt gegeben. Gerüchte über eine angeblich Neugrünung und eine 4. Generation haben sich als falsch erwiesen. Inwieweit ist also das Thema heute noch relevant und wie wird in Deutschland mit der RAF und ihrer Geschichte jetzt umgegangen?

Edel: Wir müssen heute mehr als je zuvor in der Geschichte mit Terrorismus leben und seine Ursachen begreifen lernen, um ihn bekämpfen zu können. Ähnliche Anschläge wie der 11. September z.B. hatte die RAF auch schon 1977 in Erwägung gezogen. In meinem Film gebe ich darüber Auskunft. Wie heute mit der RAF-Geschichte umgegangen wird? Trotz des hohen Medieninteresses wird vieles unter den Teppich gekehrt. Ich halte es für einen Skandal, dass von den 10 Morden, die die RAF nach 1977 begangen hat, nur einer geklärt ist, während die Täter, die die Mörder kennen, immer noch schweigen. Das trifft auch für Morde vor 77 zu. Buback, Schleyer, von Mirbach, Hillegaard usw. Ihre Mörder kennen wir, 30 Jahre später, immer noch nicht. Und fast alle sind auf freiem Fuß.


Trotzdem: Bis heute sind die Haft- aber auch die Todesumstände der in Stammheim Inhaftierten nicht vollständig geklärt. Gerüchte, dass die Haftbedingungen bei weitem nicht so schlecht waren wie von den Angeklagten behauptet halten sich hartnäckig und besonders der angebliche Suizid von Ulrike Meinhof im Mai 1976 wirft viele Fragen auf. Wie haben Sie diese Thematik in Ihrem Film behandelt?

Edel: Es gab die Isolationshaft für viele RAF-Häftlinge. Aber nicht sehr lange. In Stammheim gab es sie nie. Dort wurden die Haftbedingungen von den RAFlern und ihren Anwälten, wie z.B. Herr Schily, nach außen eklatant übertrieben dargestellt, was die linke Presse draußen unkritisch und begierig weiter verbreitete. Aber das Gegenteil war richtig: der Staat wagte wegen der öffentlichen Meinung nicht mehr, irgendwelche Härte zu zeigen und machte eklatante Fehler, wie etwa die Mohnhaupt zu Baader und Ensslin nach Stammheim zu lassen, wo sie zusammen den blutigen Deutschen Herbst planen konnten.


So wurde Stammheim, das zuerst als das sicherste Gefängnis der damaligen BRD galt, zur Terrorzentrale umfunktioniert. Es war auch das einzige Gefängnis der Welt, in dem Männer und Frauen auf einem Flur zusammen waren. Baader und Ensslin bewohnten jeweils eine Zelle alleine, die heute z.B. mit 4 Häftlingen belegt sind. Es gab eine Fresszelle mit Lebensmittel, eine extra Zelle mit Sportgeräten. Baader hatte 16 verschiedene Zeitungen abonniert, hatte bis zu 50 Anwaltsbesuche im Monat und eine Bibliothek von über 900 Büchern in der Zelle... Isolationshaft?

Ulrikes Selbstmord war keine Reaktion auf eine vermeintliche Isolationshaft, sondern auf die Isolierung, in die sie von Baader und Ensslin vorsätzlich getrieben wurde. Auch das zeige ich in meinem Film.


Trotzdem: In der heutigen Zeit werden die RAF Mitglieder entweder als HeldInnen im antifaschistischen Kampf glorifiziert oder als TerroristInnen verteufelt. Immer noch polarisieren die HauptakteurInnen die Gesellschaft und eine objektive Auseinandersetzung scheint kaum möglich. Wie haben Sie in ihrem Film diese Zweischneidigkeit behandelt?

Edel: Die Mythenbildung um die RAF wurde geschickt von Gudrun Ensslin gesteuert und zeigt bis heute seine Wirkung. Ich hoffe, dass der Film diese Glorifizierung ein für allemal zerstören wird.


Trotzdem: Die RAF hat zur Verwirklichung ihrer politischen Forderungen den bewaffneten Kampf genutzt. Wie stehen Sie dazu, dass Gewalt als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung gesehen wird?

Edel: Gewalt ist nur dann ein legitimes Mittel, wenn mein eigenes Leben bedroht ist. Baader und Ensslin wussten das auch und täuschten eine Bedrohung ihres Lebens vor, um die nächste RAF-Generation draußen zu immer größeren Gewaltakten anzutreiben, die es aber zu keinem Zeitpunkt wirklich gegeben hat.


Lisi Kobler

Trotzdem September 2008


Uli Edel wurde 1947 in Deutschland geboren. Er studierte Theaterwissenschaft und besuchte die Hochschule für Film und Fernsehen in München. Dort lernte er Bernd Eichinger kennen, mit dem er 1980 den Film Christiane F.- Wir Kinder vom Bahnhof Zoo drehte. Es folgten einige Hollywoodproduktionen, darunter Letzte Ausfahrt Brooklyn (Last Exit To Brooklyn) und Die Nebel von Avalon. 1990 wurde er mit dem bayrischen und dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Sein neuestes Projekt Der Baader-Meinhof Komplex kommt am 26. September in die Kinos.

vorheriges Bild Bild Pause/Fortsetzen nächstes Bild
vorheriges Video Video Pause/Fortsetzen nächstes Video
IMPRESSUM © sozialistische jugend
http://www.sj-ooe.at/