Schützen Heil!
Gedankengänge einer Jugendlichen in der tiefen Tiroler Nacht: „ ... s’letzschte Bier war zviel... kunn nimma...muass jetzt schlofen...sofort...( die Jugendliche wirft sich ins Bett)...endlich mei woams Bett...schnarch, schnarch...(gegen 07:23 Marschmusik, lautes Geheul, und plötzlich fallen Schüsse)... was is’n gschehn...isch Krieg usgebrochen?...(Jugendliche stürzt auf den Balkon)...oh, mei Schädel...(ihre müden Augen erblicken alte und junge Menschen in lustigen Gewändern mit Gewehren bewaffnet, die einzigen Frauen unter ihnen tragen den Schnaps)...oh naa, de Clowns schu wieda...kunn jetztand nimma mehr einschlafen und morgen a no die Schularbeit...“
Nein, „diese Clowns“ sind nicht wirklich Clowns. Das sind die Tiroler Schützen bei ihrem sonntäglichen Auszug, pure Tiroler Kultur.
The saga begins...
1511 war nicht nur das Jahr als in England die Pferderennen aufkamen, sondern auch das Jahr des Landlibells. Diese Urkunde Kaiser Maximilians I. legte fest, dass die Stände nur zur Verteidigung des Landes Kriegsdienste zu leisten hatten. Tirol musste daher nur seine Truppen mobilisieren, falls der Krieg innerhalb der Tiroler Grenzen stattfindet oder die Grenzen des Landes bedroht waren. Der neu gegründete Landsturm, in dem sich alle Wehrfähigen von 18-60 einfanden, garantierte die Verteidigung. Die Ausrüstung musste im Kriegsfall vom Landsturm selber beschafft werden, sodass jeder Währfähige das Recht hatte eine Waffe bei sich zu tragen. Die Geburt der Tiroler Schützen!
Nach der Niederlage Österreichs im 3. Koalitionskrieg gegen Frankreich stand Tirol seit 1805 unter Bayrischer Herrschaft. Durch die Reformen Bayerns wurde Tirol eines der fortschrittlichsten Länder im damaligen Deutschland. Die neue Verfassung beseitigte die Sonderrechte des Adels, missachtete das Landlibell, hob die Leibeigenschaft auf, gewährte die Sicherheit der Person und des Eigentums und führte eine beschränkte Pressefreiheit ein. Das josephinische Toleranzpatent, welches das Glaubensmonopol der Katholischen Kirche brach, wurde wieder eingeführt. Bayern machte sich durch diese Reformen unter den von der Kanzel unterrichteten TirolerInnen keine FreundInnen.
Viele HistorikerInnen sehen in diesen „Anmaßungen“ den Grund für den Ausbruch des Aufstands von 1809. Vielmehr war es die Taktik des Wiener Hofes, der sich erst der „treuen TirolerInnen“ erinnerte, als man einen Nebenkriegsschauplatz brauchte, um Napoleon in die Zange zu nehmen. Sofort wurden Tiroler Abordnungen nach Wien bestellt und genauestens instruiert.
Heinrich Heine schrieb in seinen Reisebildern: „Von der Politik wissen sie (TirolerInnen) nichts, als das sie einen Kaiser haben, der einen weißen Rock und rote Hosen trägt... Als nun die Patrioten zu ihnen hinaufkletterten und ihnen beredtsam vorstellten, dass sie jetzt einen Fürst bekommen, der einen blauen Rock und weiße Hosen trage, da griffen sie zu ihren Büchsen und küssten Weib und Kind und stiegen von den Bergen hinab und ließen sich totschlagen für den weißen Rock und die lieben alten roten Hosen.“
Am 9. April 1809 marschieren österreichische Truppen ein und befreien Tirol von der bayrischen „Tyrannei“. Schon im Mai erobert Bayern Tirol zurück und die große Stunde des Andreas Hofer und der Schützen schlägt. Zwei Schlachten am Berg Isel werden gewonnen und Hofer wird zum Oberkommandanten Tirols. Während seiner Regentschaft in der Innsbrucker Hofburg werden Sittlichkeitserlässe gegen leichte Kleider, lange Locken, nackte Oberarme und Dekolletes der Frauen verfügt. Eine uneingeschränkte Herrschaft von Priestern und Mönchen setzt sich durch – sehr zum Leidwesen der aufgeklärten, liberalen Innsbrucker BürgerInnenschaft.
Neben seinen Regierungsaufgaben übt er weiter seinen eigentlichen Beruf aus und verkauft Vieh – in der Hofburg. Nach der ersten Niederlage in der 3. Berg Isel-Schlacht erlischt jeglicher Widerstand in Tirol. Hofer wird verhaftet und in Mantua hingerichtet. Ab dieser Zeit verkommt das Schützenwesen zum „Kulturgut“ Tirols, deren auffälligste Bestandteile die Fahnenweihe, die Waffenweihe, Feldmessen, die Verehrung Andreas Hofers, offener Rassismus gegen Walsche und ItalienerInnen, Nationalismus, Frauenfeindlichkeit und der Herz-Jesu Gedenktag sind.
Mit einem Gewehr hat man wenigstens ein Ziel vor Augen...
Die Waffen und die Fahnen haben es den Schützen aber besonders angetan. Der Geistliche Bruder Willram meint dazu: „Die Tiroler Schützenfahne ist kein Kinderspielzeug. Sie bedeutet uns das kugelumsungene, blutgeweihte Schlachtenbanner jener kampferprobten Helden, die wir mit Stolz unsere Väter nennen...“
Der Schützenideologe Willram geht bei den Waffen sogar noch weiter. „Ja, dieses Knallen war eine furchtbare Macht, weil es die Macht des Beispiels war, das Beispiel eines Volkes, das die Pflugschar zur Waffe umgeschmiedet hat... es zuckt und fiebert, es blitzt und wettert der wilde, trotzige, furchtlose Mut der Ahnen im Knall! Der Tirolerstutzen und gemahnt uns, stets hohen Mutes zu sein...“
Tirol einig Vaterland
Auf der anderen Seite der Grenze spielen die Südtiroler Schützen ihre eigenen Spielchen, indem sie rassenwahnähnliche Zustände propagieren und voraussagen, dass die deutsche Kultur Südtirols durch die Walsche und die italienische Volksgruppe zerstört werde. Die richtigen Worte findet Johann Nepomuk in seinem Gedicht: „Ihr Buebm. Ihr Mander herum in dem Land legt alle mitnandr den Pflug aus der Hand. Wir müssen nach Bozen mit unserm Gewehr, sonst halten die Votzen die Wälschen nit mehr. Drum auf! In Gotts Namen machts nur nit viel Wort, wir müssen zusammen nach Südtirol fort. Die Grenzen besetzen mit unsrer Armee. Drein haun! Drein fetzn! Drein schießen! Juche!“
Fortschritt folgt dem Bewusstsein...
Während viele TirolerInnen das Schützenwesen als ein Traditionsgut ansehen, gilt es im Heiligen Land für Aufklärung zu sorgen. All diese Beispiele für die reaktionären Umtriebe im kulturellen Leben Tirols untermauert die Militarismus-Theorie des Soziologen Willems, der unter Militarismus die Tatsache versteht, dass sich die Gesellschaft an militaristischen Bräuchen orientiert und veraltete militärische Ehrenvorstellungen pflegt, ohne das sie deshalb notwendig bellizistisch sein müsste. Und die Volkspartei singt kräftig im Chor der Reaktion mit. Das Pathos der verherrlichten und ideologisierten Fahnen und Waffen wird bei jedem Aufmarsch und bei jeder Sonntagsrede der Tiroler Volkspartei neu geboren. Brüder im Geiste.
Eine fortschrittliche Gesellschaft kann nicht auf den Festen der Reaktion und der Gewaltverherrlichung entstehen und gedeihen; doch diese kann erst entstehen, wenn das Bewusstsein für diese geschaffen wurde. Die linke Infrastruktur Tirols ist für diese wichtige Aufgabe noch nicht gewappnet und muss deswegen versuchen, am Land Fuß zu fassen, damit Jugendliche sich dort organisieren können und nicht gezwungen werden, sich der Landjugend oder den Schützen anzuschließen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.
Für ein fortschrittliches Tirol ohne Fahnen und Gewaltprozessionen- nicht nur für die schlaflosen Tiroler Jugendlichen!
Marko Miloradovic
Trotzdem August 2005










