Der Krieger, die Bekriegte?
„Der Mann soll zum Krieger erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers; alles andere ist Torheit.“
Friedrich Nietzsche
Krieg ist männlich. Frieden weiblich. Wenige Begriffe sind derart geschlechtsspezifisch besetzt. Das Bild der “von Natur aus” friedliebenden Frau und des kriegerischen Mannes zieht sich als biologistischer Mythos durch die Geschichte.
Dem Mythos zufolge sind es also Männer, die Kriege begännen, sie führen, sich irgendwann ausgetobt haben, Territorien untereinander aufteilen und schließlich heimkehren und ihre Kriegswunden lecken. Passend dazu nehmen Frauen in diesem Gewaltspiel der Stereotypen die Rolle der bangenden, hoffenden, wartenden Mütter, Ehefrauen und Töchter ein, die Briefe schreibend und Frontpakete schickend zu Hause sitzen, bis sie – so Gott will – die jeweilige vermisste Bezugsperson wieder in die Arme schließen können.
Wie sehr aber entspricht dieses klassische Bild, das wir alle kennen, der Realität? Und was sind die Gründe für die Dominanz dieses relativ einfachen Musters, das wenig alternative Sichtweisen zulässt?
Wer macht Krieg für wen?
Um diese Fragen beantworten zu können, ist es notwendig, etwas sehr Grundsätzliches zu Männlichkeit und Weiblichkeit im Zusammenhang mit kriegerischen Konflikten festzuhalten: Bei der eingangs erläuterten, allseits beliebten „Kriegerlegende“ wird bereits etwas Wesentliches ausgeblendet: Krieg ist kein Produkt spontan ausbrechender männlicher Aggressionen, sondern ein Symptom des Kapitalismus in der Krise, der dadurch wieder Absatzmärkte für sich erschließt.
Das führt eine biologistische Vorstellung des Kriegers ad absurdum und lässt uns gleichzeitig auch die klassische, passive Rolle der Frau in diesem Kontext hinterfragen. Betrachten wir, welche Funktionen, Rollen, Frauen in und um kriegerische Konflikte in unserer Gesellschaft einnehmen, stellen wir fest, dass diese sehr vieles umfassen (wenn auch in unterschiedlich starker Ausprägung): Frauen sind Zivilistinnen, Arbeiterinnen in vorübergehend freigewordenen „Männerarbeitsplätzen“ in der Rüstungsindustrie, sind Erhalterinnen einer zivilen Gesellschaftsordnung. Frauen sind Soldatinnen, freiwillig oder unfreiwillig, sind Kindersoldatinnen, Söldnerinnen oder Guerilleras. Frauen unterstützen Krieg oder protestieren dagegen. Frauen sind Helferinnen, Täterinnen oder Opfer. Frauen werden versklavt, vergewaltigt, verstümmelt und umgebracht.
Warum dennoch häufiger und offenkundiger Männer im Zentrum von kriegerischen Auseinandersetzungen bzw. Kriegsprozessen stehen, lässt sich auf verschiedene Gründe zurückführen. Nicht unwesentlich ist jedenfalls, dass Frauen an der Planung und „Durchführung“ von Kriegen als auch in Friedensverhandlungen und Fragen des Wiederaufbaus massiv unterrepräsentiert sind – weltweit liegt der Parlamentarierinnenanteil bei ca. 15 %, bis jetzt gab es nur 3 Verteidigungsministerinnen überhaupt, ganz zu schweigen von internationalen Institutionen wie UNO, NATO, EU, OSZE, IWF, Weltbank oder dem internationalen Gerichtshof, in denen Frauen nicht annähernd gleichberechtigt vertreten werden.
Frauen spielen in der Entscheidungsfrage, ob oder wie es Krieg gibt, eine sehr marginale Rolle. Das heißt aber auch, dass Frauen und Mädchen keine besondere Aufmerksamkeit erfahren, als Nebensache und als Opfer höchstens einen „Kollateralschaden“ im Zuge von Kriegshandlungen darstellen. Das Fehlen von Frauen in Entscheidungsgremien wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie Kriegsgeschehen aufgearbeitet und Verbrechen eingeschätzt bzw. geahndet werden.
Vom Schlachtfeld ins Wohnzimmer
Krieg hat sich verlagert. Die Mehrheit der Bevölkerung erlebt Krieg als ZivilistInnen, was sie allerdings – anders als in der Genfer Konvention vorgesehen – nicht vor Gewalt schützt. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur ca. 5 Prozent aller Kriegsopfer ZivilistInnen waren, sind es mittlerweile bis zu 80 Prozent – vorwiegend Frauen und Kinder. Natürlich gibt es, wie schon erwähnt, auch Frauen, die sich freiwillig Armeen anschließen, das ist aber ein vergleichbar geringer Prozentsatz. Viel häufiger werden sie heute als Kindersoldatinnen oder Sexsklavinnen zwangsrekrutiert.
Radhika Coomaraswamy, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen über Gewalt gegen Frauen hat in einem Bericht Anfang 2001 zusammengefasst, was Frauen im Krieg widerfährt:
„... Frauen und Mädchen sind vergewaltigt worden – vaginal, anal und oral – mit brennenden Holzscheiten, Messern und anderen Objekten. Sie sind von Regierungstruppen und von nichtstaatlichen Verbänden vergewaltigt worden, von Polizisten, die eigentlich zu ihrer Sicherheit da sind, von Wachleuten in Flüchtlingslagern und Grenzbeamten, von Nachbarn, örtlichen Politikern und manchmal – unter Todesdrohung – von Familienangehörigen. Sie wurden zum Krüppel gemacht oder sexuell verstümmelt und später oft getötet oder zum Sterben liegen gelassen. Sie sind auf entwürdigende Weise nackt kontrolliert worden, mussten ohne Bekleidung vor Soldaten oder in der Öffentlichkeit paradieren beziehungsweise tanzen und unbekleidet Hausarbeit verrichten.“
Systematische Massenvergewaltigungen und verschiedenste Formen von sexualisierter Folter/Gewalt gegen Frauen sind Strategie und integraler Bestandteil des Repertoires des Krieg- Führens. Dabei steht „Körper“ in Kriegen nicht für Individuen, sondern hat einen sehr hohen symbolischen Wert, wobei gerade der weibliche Körper stellvertretend für die Nation, die Gruppe, die Ethnie, den „Volkskörper“ steht, der bekämpft wird.
Die Anerkennung der Tatsache, die Auseinandersetzung damit, dass Vergewaltigungen in Kriegen gezielt eingesetzt werden und massenhaft vorkommen, haben sich erst aus der verstärkten Öffentlichkeit der sexualisierten Gewalt und Folter während des Kosovo Krieges und der diesbezüglichen Agitation der neuen Frauenbewegung ergeben – der internationale Strafgerichtshof hat erst im Jahr 2002(!) Vergewaltigung und andere Formen geschlechtsspezifischer, sexualisierter Gewalt als das anerkannt, was sie sind: schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Krieg hat viele Gesichter
Opfer der Kriege, die vor allem von Männern gemacht werden, von Männern „ausgefochten“ werden, sind nach wie vor vor allem die Frauen. Das beschränkt sich nicht auf den körperlichen Bereich. Jedes einzelne Gesicht des Krieges verschließt die Augen vor Frauenrealitäten und, noch mehr als das, erschwert sie zusätzlich und zerstört sie nicht selten vollkommen. Jeder Cent, der in Rüstung investiert wird, fehlt im Sozialsystem und fällt auf die Frauen zurück; jede während Kriegen nach dem Prinzip „Glück im Unglück“ erreichte Emanzipation, ökonomische Unabhängigkeit aufgrund des Fehlens der Männer am Arbeitsmarkt, wird später mit gewaltiger Vehemenz zurückgefordert.
Eine gerechte, friedliche, gleichberechtigte Gesellschaft ist in einem System, das zu einem großen Teil auf Kriegen basiert, die zugunsten des Profits Weniger zulasten vieler Leidtragender (von denen die meisten wieder Frauen sind) geführt werden, nicht möglich. Umso wichtiger ist es, gemeinsam gegen Krieg, Kapitalismus und Patriarchat aufzutreten und für Friede, Feminismus und Sozialismus zu kämpfen! Die letzte Schlacht gewinnen wir!
Kati Hellwagner
Trotzdem August 2005
UN – Women Watch: http://www.ipu.org/wmn-e/world.htm
PS.: Es wird angenommen, dass ein Drittel der weltweit etwa 300.000 KindersoldatInnen Mädchen sind. Studien über Nachkriegszeiten zeigen das vermehrte Auftreten häuslicher Gewalt von heimgekehrten Soldaten an ihren Frauen










