Freitag 18. Mai 2012
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Inhalt:

Theorie und Geschichte

Erinnerung an die Ausrufung der Republik


Der 12. November 1918 war ein Wendepunkt in der Geschichte Österreichs und seiner ArbeiterInnenbewegung.


Er bedeutete das formelle Ende der Monarchie durch die Ausrufung der Republik und ihr Auseinanderbrechen in die heutigen Staaten Österreich, Tschechien, Slowakei und Ungarn sowie beträchtliche Gebietsabtretungen an Italien, Slowenien, Kroatien, Polen und Rumänien.

Österreich war nur mehr ein Siebentel des alten Staatsgebildes. Zwei Drittel der Lebensmittel- und Rohstoffvorkommen gingen verloren, die Industrieerzeugung lag danieder, die alte Währung verfiel. In Europa wurden die Zahl der Länder von 20 auf 27 erhöht und die politischen Grenzen um 20.000 Kilometer verlängert.

Er markiert auch einen kurz währenden Höhepunkt des Einflusses der Arbeiter/innenklasse auf das soziale und politische Geschehen in Europa. In Russland wurde bereits 1917 der Zar gestürzt, durch die Revolution ging das Land für das imperialistische Weltgefüge verloren. Sein rätedemokratisches Modell (das den bürgerlichen Parlamentarismus radikal überschritt) strahlte im Frühjahr 1919 für wenige Wochen über Ungarn bis nach Mitteleuropa und Bremen aus. So rächte sich an den besitzenden Klassen ihr „Erfolg“, im Sommer 1914 die Zweite Arbeiter/inneninternationale durch Anzettelung des Ersten Weltkriegs überrumpelt zu haben.

In Österreich ließen sich die Unruhen schon 1916 nicht mehr unterdrücken, 1917 kam es zu Soldatenmeutereien und in den Industrieregionen zur Entstehung von Arbeiterräten. Die Bewegung gipfelte 1918 im Jännerstreik und im Matrosenaufstand von Cattaro. Darin deutete sich schon das Ende der Monarchie an. Sie war nicht mehr in der Lage, ihre Versorgungsfunktionen zu erfüllen, ein neues Staatswesen gab es noch nicht. Außerhalb der traditionellen Organisationen bildete die Arbeiter/ innenklasse aus sich heraus die Räte als Ausdruck ihrer Selbstverwaltung, mit der sie die Organisation ihres täglichen Lebens in die Hand nahm. Sie gingen am Salzburger Parteitag der S(dA)PÖ am 2. November 1924 in der Ordnerorganisation des Republikanischen Schutzbundes auf.

In Österreich wurde am 27. November 1918 das Wahlrecht für Frauen beschlossen und dadurch das allgemeine Wahlrecht vollendet. Bei der Wahl am 16. Februar 1919 erhielt die Sozialdemokratie die relative Mehrheit und bildete eine Koalitionsregierung mit den Christlichsozialen. Die starke politische Stellung der Arbeiter/innenbewegung in den ersten Nachkriegsjahren, die von ihr durchgesetzte, mustergültige sozialpolitische Gesetzgebung und die Schaffung gemeinwirtschaftlicher Einrichtungen verhinderten die Abwälzung der Kriegslasten auf die arbeitende Bevölkerung. Die Besitzenden mussten das zähneknirschend hinnehmen. Im Jahr 1920 zerbrach die Koalition, die Christlichsozialen gelangten an die Macht. Sie bekämpften die sozialen Errungenschaften und schreckten 1933 vor der Abschaffung der Demokratie und 1934 vor der blutigen Unterdrückung der Arbeiter/ innenorganisationen nicht zurück.

Die Bedeutung des Selbsttätigwerdens der Arbeiter/innenklasse in Gestalt der Arbeiterräte kann einprägsam durch Zitate damals handelnder Genossen erhellt werden. Der Bäcker Vinzenz Muchitsch, später Grazer Bürgermeister, am Parteitag der S(dA)PÖ am 22. Oktober 1917 im Favoritner Arbeiterheim: „Im Werke steht der Arbeiter unter der Knute des Direktors, in der Gemeinde ist dieser Direktor der Bürgermeister, unter dessen Knute wiederum der Arbeiter steht.“

Der Metallarbeiter Otto Bauer, später Vorsitzender des Bundes religiöser Sozialisten, in einem Interview mit der Zeitschrift mitbestimmung: „Nach dem Zusammenbruch von 1918 wurde in der Kaserne ein Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Schon vorher fanden Versammlungen statt, und bei einer solchen regte ich mich darüber auf, dass die Herren Offiziere, von denen wir alle wussten, dass sie keine Republikaner sind, jetzt auf einmal den Mannschaften und Angestellten zuredeten, sie sollten auf den neuen Staat und seine Regierung Rücksicht nehmen und keine Forderungen stellen. Da ich ihnen aber ihre Zuschüsse zum Sold auszahlen musste, wusste ich sehr gut, welch hohe Bezüge sie hatten und welch unverschämte Forderungen sie stellten. In den Versammlungen zeigte ich deshalb auf, dass die Offiziere ihrerseits auf nichts verzichteten und ihre Privilegien noch aus der Monarchie voll in Anspruch nahmen.“

Otto Bauer, einer der Theoretiker/ innen des Austromarxismus und intellektueller Anreger der Sozialdemokratie, in seinem Buch: Die österreichische Revolution. „Die Betriebe verwandelten sich in Diskussionsstätten.“

Karl Seitz, damals S(dA)PÖ-Vorsitzender und Wiener Bürgermeister, am 2. November 1924 am Salzburger Parteitag: „… die exponiert in einsamen Gegenden gearbeitet haben, dort, wo die Arbeiterschaft, vielfach vollkommen ungebildet und ohne Vorstellung von Sozialismus, plötzlich von sozialistischen Gedanken erfasst, sich um die öffentlichen Dinge kümmerte.“

Friedrich Adler, Vorsitzender des Gesamtösterreichischen Arbeiterrats, am 2. November 1924 am Salzburger Parteitag: „Die Geschichte der Arbeiterräte, das war die Geschichte der Selbstbehauptung der Arbeiterbewegung in Österreich.“

Viele der durch die Arbeiterräte unversehens ins politische Geschehen geratenen Frauen und Männer wurden danach bewährte Vertrauenspersonen der Sozialdemokratie. An tatsächlichen oder vermeintlichen Versäumnissen der Arbeiter/innenbewegung ist manche Kritik geübt worden. Doch es ist müßig, nachträglich darüber zu streiten, was falsch war und wer was falsch gemacht hat, die Geschichte lässt sich nicht wiederholen und dabei korrigieren.

Aber die Geschichte setzt sich als Gegenwart fort. Der unter neoliberaler Tünche agierende Konservativismus ist drauf und dran, die Rechte zu zerstören, die unsere Urgroß- und Großelterngenerationen erkämpft haben. Immer rücksichtsloser trachtet das Kapital danach, die Demokratie einzuschränken, um nicht bloß den relativen, sondern auch den absoluten Mehrwert zu vergrößern. Dagegen gilt es aufzustehen.

Wir Heutigen müssen das erst noch in die Wege leiten, was die Arbeiter/ innenbewegung damals zustande gebracht hat.

Peter-Ulrich Lehner
Trotzdem November 2004

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