Otto Bauer
Knapp 80 Jahre ist es her, dass Otto Bauer, einer der größten VordenkerInnen der österreichischen Sozialdemokratie, gestorben ist. In der SPÖ erinnert man sich gerne an ihn, jedoch zumeist unter nostalgischen Gesichtspunkten. Doch vielleicht sollte sich die aktuelle SPÖ-Führung ein Beispiel am politischen Handeln und Denken von Otto Bauer nehmen.
Im Wesentlichen stützt sich die Ideologie von Otto Bauer, die allgemein auch als „Austromarxismus“ bezeichnet wird, auf eine Art Mittelweg zwischen Reform und Revolution, also auf einen Weg, der innerhalb der Linken nicht unumstritten ist, weil Otto Bauer nicht der Überzeugung war, dass sozialistische Politik nur durch eine Revolution umgesetzt werden kann. Und trotzdem waren die Ideen von Otto Bauer wegweisend und alles andere als reaktionär.
Die frühen Jahre des Otto Bauer
Um sein Handeln und Denken verstehen zu können ist es vielleicht nicht unwesentlich, sich zuvor die Biographie und auch den familiären Hintergrund von Bauer näher anzusehen. Geboren wurde Otto Bauer am 5. September 1881 als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten. Er war also nicht unbedingt ein Kind aus der ArbeiterInnenklasse.
Im Jahr 1900 jedoch begann Otto Bauer bereits, sich in der Sozialdemokratie zu engagieren. Den Militärdienst absolvierte er wie alle anderen jungen Österreicher für ein Jahr. Anschließend begann er zu studieren. Rechtswissenschaften, Sprachen, Soziologie, Nationalökonomie und auch Philosophie zählten zu seinen inskribierten Studienrichtungen. Beruflich schlug er den Weg eines Publizisten ein, denn der junge Otto Bauer, der schon mit 25 Jahren aufhorchen lies, als er ein 600-seitiges Werk über die Nationalitätenfrage vorlegte, begann schon sehr früh, sich mit den aktuellen politischen Fragen seiner Zeit auseinanderzusetzen.
Viktor Adler, der damalige Parteivorsitzende, bemerkte die Werke von Otto Bauer und berief diesen 1907 in den Dienst des Parteisekretärs der SDAP, der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei.
Die Festigung in der Partei und die Nachkriegsjahre
Otto Bauer war auch begeisterter Soldat und zog 1914 in den Krieg. 1917 geriet er in russische Gefangenschaft und wurde durch Interventionen der Partei befreit. In seiner Gefangenenzeit in Russland knüpfte er Kontakte zu Bolschewiki, die ihn politisch prägten und auch dafür verantwortlich zeichnen, dass sich Bauer nach dem 1. Weltkrieg dem marxistischen Flügel der Sozialdemokraten zuwandte.
Im Zuge der Oktoberrevolution in Russland und dem Erstarken der Linken innerhalb der Sozialdemokratie, sowie des Kampfes um ArbeiterInnen, die ihre Zukunft in Russland sahen, wurde die Rolle Otto Bauers innerhalb der Sozialdemokratie zusehends wichtiger. Otto Bauer wurde in den Parteivorstand berufen und war ab 1918 stellvertretender Parteivorsitzender unter Karl Seitz. Ideologisch wurde Bauer allerdings mehr Bedeutung zugemessen als Karl Seitz, und so avancierte Bauer durch seine ideologische und rednerische Brillanz zum eigentlichen Vorsitzenden der Partei. Dieser Umstand festigte sich in der Rolle Otto Bauers bei der Ausarbeitung des Parteiprogramms der SDAP im Jahr 1926, dem so genannten Linzer Programm.
Das Linzer Programm – Ideen mit Nachhaltigkeit
Es ist unumstritten, das Otto Bauer der Hauptverantwortliche für die Entstehung des Linzer Programms ist. Das Parteiprogramm von 1926 war maßgebend für die weitere Entwicklung der österreichischen Sozialdemokratie. Es war in gewisser Weise auch wegweisend für das Verhalten der SozialdemokratInnen im Februar 1934, da es den Klassenkampf und die damit unüberwindbaren Forderungen der ArbeiterInnenschaft als einen unumgehbaren Faktor in der politischen Ausrichtung der Partei festlegte.
Die Kritik, die an dem Programm geübt wird, stützt sich meistens auf den Umstand, dass die Forderungen im Linzer Programm alle ohne revolutionären Umsturz geplant waren, und die Sozialdemokratie sich demokratische Mittel zu nutze machen wollte. Dies scheint auf den ersten Blick illusionär, denn die Mehrheitsverhältnisse in dieser Zeit ließen nicht gerade sehr viel Hoffnung auf absolute Mehrheiten der SPÖ zu. Jedoch muss Otto Bauer zugestanden werden, dass er die Bereitschaft in der Bevölkerung zu einer Revolution sehr realistisch einschätzte, und daher der Überzeugung war, eine neue Gesellschaft Schritt für Schritt erkämpft werden müsse.
Das Linzer Programm beinhaltete viele fortschrittliche Forderungen. So befanden sich unter anderem ein Konzept zur demokratischen Wahl von RichterInnen und Vorschläge zur Ersetzung des Bundesstaates durch demokratische Regionalverwaltungen unter den Programmpunkten. Auch in frauenpolitischer Hinsicht bat das Linzer Programm mehr, als von der aktuellen Bundesregierung auch nur angedacht wird. Anzumerken ist auch, dass die Gewährung von Asyl für politische Flüchtlinge ein Teil der Forderungen war. Dieser Punkt ist insofern sehr interessant, als daran gemessen werden kann, wie weit die heutige SPÖ von ihren ursprünglichen Ideen abgewichen ist, wenn man sich das Verhalten der SPÖ in der Asylthematik ansieht.
Das Vermächtnis Otto Bauers und wo es verloren ging
Otto Bauer starb 1938 in Paris. Er musste also noch aktiv miterleben, wie so vieles, wofür er gekämpft hatte, im Februar 1934 verloren ging, und die Sozialdemokratie quasi ausgerottet wurde. Nichts desto trotz überlebten die Schriften von Bauer den 2. Weltkrieg. Die Ideologie jedoch tat es nicht. In der Nachkriegszeit herrschte ein Konsensdrang in der SPÖ, der keinen Platz für die fortschrittlichen und linken Ideen von Bauer lies. Die SPÖ erinnerte sich auch nicht in Zeiten, in denen sie Mehrheiten hatte, die Handlungsfreiheit zugelassen hätten, an die ihre einstigen Ideale.
Nostalgisch, aber nicht realistisch wird an den einstigen Vordenker zurückgedacht. Seine Ideen werden belächelt und von geänderten Rahmenbedingungen wird gesprochen. Selbst bei Verleugnung der Existenz des Klassenkampfs könnte sich die aktuellen SPÖ-Spitze zumindest jener Punkte entsinnen, deren Umsetzung längst überfällig wäre. Gerade jetzt in Zeiten einer starken Inflation wären die Vorschläge Bauers zur Verhinderung von Monopolen dringend anzuwenden. Auch die Ideen zum Asylrecht und Bauers Vorstoß für Verhütungsmittel auf Krankenschein, sind Themen, die wieder aufs Tableau gebracht werden sollten.
Es klingt etwas resignierend, wenn man heute darauf pochen muss, dass man sich an den Austromarxismus erinnert. Trotzdem wäre es schon ein außerordentlicher Erfolg, wenn die SPÖ sich ihrer Wurzeln entsinnen würde. Es sind Wurzeln, die sich auf das Kommunistische Manifest und die Ideen von Karl Marx berufen und nicht wie aktuell auf ideologielose Politik und die Degradierung der SPÖ zu einer WählerInnenbewegung.
Festgehalten werden muss aber noch, dass der Austromarxismus nur ein Konzept zur Wegfindung des Sozialismus sein kann, und dass auch die Grenzen der Ideen Otto Bauers noch erweitert werden können. Nichts desto trotz gilt es auf diesen „Mindeststandards“ zu beharren und Gusenbauer und Co. einen Spiegel vorzuhalten in dessen Hintergrund Otto Bauer seinen Fuß zu einem gehörigen Arschtritt erhebt.
Tobias Haas
Trotzdem Februar 2008










