Freitag 10. Februar 2012
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Theorie und Geschichte

Die 68er-Bewegung

Mythos, Nostalgie oder vertane Chance zur Revolution?

40 Jahre ist es nun her, dass StudentInnen mit weltweiten Protesten versuchten, die Mauern der alten Gesellschaft niederzureißen. Die Nachkriegsgesellschaft war konservativ und prüde, über die eigenen Verstrickungen in der Nazi-Zeit wurde geschwiegen. Ketten sprengen, Autoritäten bekämpfen, patriarchale Strukturen und bürgerliche Moral aufreißen, Liebe ohne Besitzanspruch leben, Sexualität enttabuisieren, das waren nur einige der Hauptforderungen der 1968er. Die Welt sollte freier, gerechter und weniger verlogen werden.

Der Begriff „68er-Bewegung“ umfasst eine Vielzahl, im Allgemeinen als „links“ einzustufende StudentInnen- und BürgerInnenrechtsbewegungen und stellt somit keinesfalls eine homogene Masse dar. Auch die Charakteristika der Proteste unterscheiden sich von Land zu Land. Trotzdem lassen sich eine Reihe gemeinsamer Kennzeichen festmachen: (1) überall standen StudentInnen an der Spitze der Protestbewegungen, (2) Ziel war es, einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, und (3) die Proteste begriffen sich als Reaktion auf die drastische Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nach dem 2. Weltkrieg. In den USA waren es vor allem die Anti-Vietnamkriegs- Demonstrationen und die Anti-Rassismus- Bewegungen, die die 1960er Jahre prägten. Kapitalismuskritik und Anti-Faschismus blieben im Wesentlichen ein Merkmal der Proteste in Europa.

Auch für die Frauenbewegung war die 1986er-Bewegung bedeutend. Forderungen nach der Selbstbestimmung der Frau prägten den feministischen Protest. Die „drei K“ – Kinder, Küche, Kirche – galten damals als Umschreibung für die traditionell in Deutschland geltenden Wertvorstellungen für Frauen. Diese Redewendung beschrieb den Platz der Frau in Gesellschaft und Familie. Frauen sollten sich nach dieser Definition um die Erziehung des Nachwuchses, die Versorgung des Ehemannes und der Kinder und die Vermittlung und Einhaltung moralischer Prinzipien, wie sie die Kirche befahl, kümmern. Die Frauenbewegung der 1960er-Jahre brachte ein Aufbrechen des bürgerlichen Familienkonzeptes, die Forderung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung und nach der Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs („Ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine!“) mit sich.

Deutschland

Die deutsche StudentInnenbewegung der 1960er-Jahre war eine vielschichtige politische Bewegung, die die herrschenden Verhältnisse im Deutschland der 1950er und 1960er Jahre radikal kritisierte und bekämpfte. Ihr Selbstverständnis war zunächst emanzipatorisch, größtenteils antiautoritär gegen die „Herrschaft von Menschen über Menschen" gerichtet. Überwiegend herrschten antikapitalistische Einstellungen vor. Die deutsche StudentInnenbewegung ist eng mit der deutschen Geschichte vor und nach dem 2. Weltkrieg verbunden; die Kritik an der Verarbeitung der NS-Vergangenheit Deutschlands hatte einen maßgeblichen Anteil an Entstehung, Verbreitung und Zielrichtung der deutschen StudentInnenbewegung. Dazu gehörten auch die Ablehnung der in der westdeutschen Bundesrepublik übergangslos in Machtpositionen verharrenden Generation der Täter des Dritten Reiches und die Überwindung der verstaubten Sexualmoral der 1950er Jahre.

Als Beginn der deutschen StudentInnenbewegung gilt das Jahr 1961, in dem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) aus der SPD ausgeschlossen wurde, und aus dem in weiterer Folge die Außerparlamentarische Opposition (APO) hervorging. In Deutschland war es vor allem die APO mit ihrem Wortführer Rudi Dutschke, die von wesentlicher Bedeutung für die Protestbewegung war.

Die Außerparlamentarische Opposition begriff sich selbst als Opposition außerhalb des Parlaments, weil sie in den etablierten Parteien keine entsprechende Möglichkeit sah, die von ihr gewünschte Politik umzusetzen. Sie entwickelte sich aus der Opposition gegen die seit 1966 regierende große Koalition und die von dieser Regierung geplante und umgesetzte Notstandsgesetzgebung. Forderungen der APO waren eine Demokratisierung der Universitätspolitik (bekannt ist in diesem Zusammenhang der Transpi-Spruch „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“). Weiters wurden die gesellschaftliche Verdrängung der Verbrechen der NS-Zeit durch die Elterngeneration kritisiert, die sich nur für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau interessierte und eine Aufarbeitung der Geschichte ausblendete. Außerdem schloss sie sich den weltweiten Protesten gegen den Vietnamkrieg an und solidarisierte sich mit der nordvietnamesischen Guerilla.

Den Wendepunkt der StudentInnenproteste markierte der Tod des 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 bei den Massenprotesten gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin aus nächster Nähe von einem Polizisten erschossen wurde. Sein Tod führte zu einer Radikalisierung der Bewegung und auch zu einem verstärkten Auftreten gegen den Springer-Verlag, in dem auch die Bild-Zeitung erscheint. Die Medien des Springer-Verlags galten als „Haupthetzer“ gegen die StudentInnenproteste und die APO. Knapp ein Jahr nach dem Tod Ohnesorgs wurde Rudi Dutschke durch Pistolenschüsse schwer verletzt. Zwar überlebte er das Attentat, starb aber 1979 an dem Spätfolgen seiner Verletzungen.

Die Proteste erfuhren nach dem Jahr 1968 ein jähes Ende. Es kam durch eine immer stärkere Zersplitterung einzelner Gruppen und Strömungen zum Ende der StudentInnenbewegung und der APO. Im Jahr 1970 löste sich schließlich auch der SDS auf. Das aufgebaute revolutionäre Potential konnte nicht weiter aufrechterhalten werden, wirklich grundlegende gesellschaftliche Umwälzungen blieben aus.

Frankreich

Im Gegensatz zu Deutschland war die Situation in Frankreich anders. Im berühmten „Mai 1968“ kam es zu einer in ihren Grundzügen durchaus als revolutionär zu bezeichnenden Situation. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Solidarisierung der Gewerkschaften mit der StudentInnenbewegung, die in dieser Form anderswo nicht stattfand und in Folge von Großdemonstrationen, Massenstreiks und Straßenkämpfen zu einer Staatskrise führte. Die Solidarisierung der ArbeiterInnenklasse mit den StudentInnen war in Frankreich einzigartig. In Deutschland konnten die Forderungen der Proteste nie entscheidend über das studentische Klientel hinauswirken, wodurch eine wirkliche Mobilisierung der Massen unterblieb.

Die so genannten Mai-Unruhen, die nach StudentInnenprotesten im Mai 1968 zunächst durch die Räumung einer Fakultät der Pariser Universität Sorbonne ausgelöst wurden, führten zu einem wochenlangen Generalstreik, der das ganze Land lahmlegte. Lang-fristig zog diese Revolte kulturelle, politische und ökonomische Reformen in Frankreich nach sich.

Was bleibt?

Die 1968er-Generation ist großteils heute selbst in das herrschende Establishment, gegen das sie rebellierte, eingebettet. Ein gutes Beispiel hierfür ist der „Alt-68er“ Joschka Fischer, bis 2006 Außenminister und Vizekanzler von Deutschland, der sich unter anderem als einer der größten Befürworter des völkerrechtswidrigen NATO-Krieges gegen Ex-Yugoslawien hervortat.

Was der 1968er-Bewegung zu Gute gehalten werden muss, ist, dass sie einen gesellschaftlichen Aufbruch einläutete. Die 68er waren es, die sämtliche bürgerlichen Regeln sprengen wollten und nichts anderes mehr gelten ließen als das dringende revolutionäre Bedürfnis nach kollektiver Selbstverwirklichung. Besonders die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gegen den allgemeinen „Tot-Schweige-Konsens“ ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben.

Auch wenn die StudentInnenunruhen in den meisten Städten elitär blieben, kam es doch auch zu einer Solidarisierung zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen. Das Potential einer wirklichen Massenbewegung war da, wurde aber nicht genutzt. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein. Auch versäumten es die Parteien, mangels Vorhandensein revolutionärer Kräfte, dieses Potential für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zu nutzen. Zuviel Nostalgie ist insofern fehl am Platz, Anerkennung und die Möglichkeit, daraus zu lernen, nicht.

Nina Pölzl

Trotzdem Februar 2008

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