"Na ja, Sie können auch von mir hören, dass Sie ein faschistisches Arschloch sind!"
Andreas Baader und seine KampfgenossInnen der Roten Armee Fraktion lebten das Prinzip: „Zieh den Trennstrich jede Minute". Sogar im Gerichtssaal in aussichtsloser Position stellten sie sich noch gegen die „Faschistischen Arschlöcher" im Richtersessel.
Die Rote Armee Fraktion löste das größte Trauma in der deutschen Nachkriegsgeschichte aus. Mit ihrem Konzept des bewaffneten Kampfes in Mitteleuropa stürzten sie Westdeutschland in die schwerste innenpolitische Krise der noch jungen Republik. In ihrer 28-jährigen Geschichte starben 61 Menschen einen gewaltsamen Tod. Trotzdem hatte und hat die RAF im linken Spektrum viele SympathisantInnen und sogar Fans.
Offensichtlich können viele (junge) Menschen die Entwicklung, die die Mitglieder der RAF durchlaufen haben, nur allzu gut nachvollziehen: Frustriert und vom Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem System erfüllt, griffen sie zur Waffe unter dem Motto: „Macht kaputt was euch kaputt macht."
Im Deutschland der 1960er stimmt so einiges nicht: Der Faschismus ist alles andere als aufgearbeitet, das gespannte Verhältnis zwischen Ost und West ist auf keinem Fleck der Erde so gut spürbar wie in Berlin, und viele Menschen leben gedanklich noch in der Zwischenkriegszeit, bzw. die meisten wohl noch in der Zeit des Nationalsozialismus.
Bei vielen StudentInnen bildet sich erstmals wieder ein kritisches Bewusstsein. Organisationen wie der SDS (Sozialistischer Deutscher StudentInnenbund) beschäftigten sich offen mit Marxismus und rufen zum Widerstand gegen das System des Kapitalismus auf.
Themen wie das Elend in der Dritten Welt und der Krieg in Vietnam bringen tausende junge Menschen auf die Straßen. Charismatische ProtagonistInnen wie Rudi Dutschke versetzen die Bürgerlichen mit ihren linken Thesen in Angst und Schrecken.
Die reaktionäre Presse bläst alsbald zur Jagd auf die APO (Außerparlamentarische Opposition). Die rechtsradikale „Deutsche Nationalzeitung" titelte sogar „Stoppt Dutschke jetzt, sonst gibt es Bürgerkrieg" und bildete (Fahndungs)Fotos von Dutschke unter diesen Zeilen ab. Wenig überraschend wird Dutschke kurz darauf Opfer eines rechtsradikalen Attentäters. Zwar überlebte er dieses Attentat, ertrinkt aber an den Spätfolgen des Anschlages neun Jahre später, zu Weihnachten, in der Badewanne.
Bereits ein Jahr zuvor (1967), bei einer Protestkundgebung von StudentInnen, gibt es den ersten Toten: Benno Ohnesorg wird während einer Demonstration, die sich gegen den Besuch des Schahs von Persien in Westdeutschland richtet (Der Schah regierte damals diktatorisch, gestützt von den USA den Iran und gilt als einer der „Wegbereiter" der Islamischen „Revolution") von einem Polizisten erschossen (Der Polizist wird im später stattfindenden Prozess freigesprochen.).
Aufgebracht durch diesen Mord an Benno Ohnesorg, beschließt eine Gruppe von vier Personen (Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein) ihre Proteste nicht länger auf Demonstrationen und das verteilen von Anti-Kapitalistischen Flugblättern zu beschränken.
Kurze Zeit später brennen zwei Kaufhäuser in München. Die Tat, die wenige Minuten vor der Explosion der beiden Brandsätze telefonisch bei der Polizei angekündigt wurde, wird von den BrandstifterInnen als politischer Racheakt deklariert. Die BrandstifterInnen werden kurze Zeit später verhaftet.
Nach kurzem Haftaufenthalt werden alle vier frühzeitig entlassen. Als dieser Beschluss wieder aufgehoben werden soll, tauchen sie ab. Baader wird verraten und eingesperrt. Als er am 14. Mai 1970 von Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Horst Mahler und einigen anderen aus dem Gefängnis befreit wird, ist die RAF geboren.
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Gruppe um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof zu einer gefährlichen und vom Staat und der konservativen/reaktionären Presse gefürchteten Terrororganisation.
28 Jahre ging das Gespenst der RAF in Deutschland um. Am 20 April 1998 löste sich die Organisation selbst auf. In ihrem fast drei Jahrzehnte andauernden Kampf überlebte die RAF mehrere Schicksaalschläge und konnte sich über drei Generationen hinweg am Leben halten. Die RAF entpuppte sich als nicht zu tötende Hydra, der, sobald ihr ein Kopf abgeschlagen wurde, ein neuer nachwuchs.
Den Höhepunkt in der Geschichte des linksextremistischen Terrors in der deutschen Nachkriegsgeschichte, stellt wohl der Deutsche Herbst dar. In jenen 44 Tagen im Herbst 1977 wurden die Passagiere der Lufthansamaschine Landshut und der Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer (trat 1933 der SS bei) von RAF TerroristInnen entführt.
Ziel der Entführungen war es, die mittlerweile zu lebenslangen Haftstrafen verurteilten Ikonen Baader, Ensslin, Möller und Raspe freizupressen. Als die deutsche Regierung nicht auf den Handel eingehen wollte, und die Landshut von der eigens zur Terrorismusbekämpfung ins Leben gerufenen GSG 9 stürmen ließ, kamen keine ZivilistInnen ums Leben. Einen Tag später wurde Hans Martin Schleyer durch einen Schuss in den Hinterkopf exekutiert.
Die RAF zerreißt damals wie auch heute noch die Bevölkerung, wenn auch in unterschiedlich große, aber doch in zwei Lager. Schriftsteller wie Heinrich Böll sahen die Mitglieder der RAF nie als TerroristInnen, sondern als Menschen, die durch ihren Traum an eine bessere Welt auf einen Irrweg gelangten, auf dem sie in einer falschen Zeit mit den falschen Mitteln der Ungerechtigkeit in der Welt und dem blutigen Wahnsinn in Vietnam entgegentreten wollten.
Auch in der heute durch die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt und das Gnadengesuch von Christian Klar wieder aufgeflammten Diskussion über die RAF stehen sich GegnerInnen und solche, die die RAF zwar nicht gutheißen, ihre ProtagonistInnen aber nur all zu gut verstehen können, auf ein Neues gegenüber. Besonders delikat wird die Diskussion über die vorzeitigen Entlassungen, wenn mensch vergleichsweise an die Länge der Haftstrafen, die gegenüber SS-Angehörigen und anderen KriegsverbrecherInnen verhängt wurden, denkt.
Den Kampf der RAF gegen den Krieg in Vietnam, gegen die Hegemonie der US-AmerikanerInnen auf dem Planeten und gegen die zerstörerische Kraft des Kapitalismus, können viele (junge) Menschen, die sich im linken Spektrum mit Politik auseinandersetzen, auch heute noch mehr als gut nachvollziehen. Dennoch schlug dieser Ansatz das System zu verändern gehörig fehl.
Klaus Seltenheim
Trotzdem










