Freitag 18. Mai 2012
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Inhalt:

Theorie und Geschichte

Die ROTEN FALKEN

Eine zeitlose Idee

80 Jahre sind die Roten Falken heuer alt geworden. Quantitativ sind wir nicht gerade am Höhepunkt unserer Geschichte, aber in den Grundzügen stimmt das Konzept von damals heute noch immer. Und ordentlich analysiert und vor dem aktuellen Hintergrund neu aufgesetzt, werden wir uns wieder verbreitern und an Stärke gewinnen ... aber langsam! Thema soll hier die Entstehung der Roten Falken sein!

1925 ist also das Gründungsjahr der Roten Falken. Schon immer Teilorganisation der Kinderfreunde, sind sie bis heute kein eigener Verein. Anton Tesarek, ein großer Pädagoge seiner Zeit, hat auf die Beobachtung, dass sich die 10-14jährigen Burschen logischerweise schwer in die damaligen Kindergruppen der Kinderfreunde integrieren lassen, reagiert und eine eigene Struktur für diese Altersgruppe konzipiert. Die Roten Falken wurden probeweise für ein Jahr vom Kinderfreunde-Vorstand geduldet. Nach diesem Jahr war klar, wie groß der Bedarf für diese Organisationseinheit ist und an eine Auflösung war nicht mehr zu denken. Dass die Roten Falken auch für Mädchen offen sein sollten, wurde nicht viel später entschieden und Mädchen und Burschen in gemischtgeschlechtlichen Gruppen zusammengefasst.

Bereits 1926 fand das erste Zeltlager der Roten Falken in Steyr mit über 600 TeilnehmerInnen statt. Und bis heute sind Camps das zentrale Element im Jahreskreislauf für die Gruppen. Sensationell war damals die Idee der Kinderrepubliken. Die Camps sollten von den jugendlichen TeilnehmerInnen selbst verwaltet werden. Alle wesentlichen Positionen von ihnen besetzt und die Entscheidungen auf demokratische Art und Weise getroffen werden.

Bereits damals fanden internationale Austauschcamps mit Falken-Partnerorganisationen aus Deutschland, Belgien, England, etc. statt. Die Roten Falken waren schlussendlich auch Gründungsmitglied der internationalen Dachorganisation von mittlerweile weltweit mehr als 55 Partnerorganisationen, der IFM-SEI (International Falcon Movement – Socialist Educational International).

Besonders interessant für die LeserInnen des TROTZDEM dürfte die Information sein, dass die Entstehung der Roten Falken eng mit der Entwicklung des damaligen Wanderbunds, einer mehr oder weniger eigenständigen Organisation innerhalb der Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler, zusammenhängt. „Beide, Wanderbund und Rote Falken, entstanden aus derselben Problematik: Sowohl bei den Kinderfreunden, die nominell die Altersgruppe von 6 bis 14, wie bei den Sozialistischen Mittelschülern, die nominell die Altersgruppe von 10 bis 18 umfassten, fehlten im großen und ganzen die 10-14jährigen, weil hier wie dort die Organisation ihnen gerade das am wenigsten bot, was sie am meisten brauchten: Zusammensein mit Gleichaltrigen, Bewegungsraum für ein gewisses Ausmaß an Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit, etwas Freiheit von der ständigen Beaufsichtigung durch Erwachsene (die bei den Kinderfreunden zur Regel gehörte) und ein gut Teil Romantik, die sie weder bei den Kinderfreunden finden konnten, deren Ausflüge mit Rücksicht auf die „Kleinen“ notwendigerweise etwas zahme Angelegenheiten sein mussten, noch bei den Sozialistischen Mittelschülern, deren Veranstaltungen mehr auf die politischen und intellektuellen Bedürfnisse der „Großen“ abgestellt waren.“ (aus: Jakob Bindel (Hrsg.) 75 Jahre Kinderfreunde 1908-1983, Verlag Jungbrunnen, 1983)

1927 trat der Sozialistische Wanderbund geschlossen zu den Roten Falken über. Die Roten Falken profitierten dabei wesentlich von gut ausgebildeten GruppenleiterInnen.

Interessant ist, sich mit den ideologischen Überlegungen des „Gründungsvaters“ Tesarek etwas eingehender zu beschäftigen. Heute würde man es vielleicht etwas anders ausdrücken, aber im Grunde gilt Tesareks pädagogischer Ansatz noch heute für die GruppenleiterInnen unserer Bewegung: „Immer wieder rufen in der Erziehung neue Ufer, immer wieder sind von den Erziehern neue geschichtliche Herausforderungen in gesellschaftlich richtiger Form zu beantworten. Und darum haben in der sozialistischen Erziehungsbewegung jene Ideale lebendig zu bleiben, die sich vom Anfang der Menschheitsgeschichte an wie ein heiliges Vermächtnis von Generation zu Generation vererben, die vor allem von Enterbten und Unterdrückten hoffnungsvoll weitergegeben werden, weil sie es ernst meinen mit der Befreiung des Menschen.“ (Anton Tesarek)

Tesarek hat auch den Namen der Roten Falken geprägt, mit folgender Geschichte, die schnell zum Gründungsmythos der Falkenbewegung geworden ist: „Wir haben gerade ein ganz wildes Spiel gehabt, Völkerball! Da, auf einmal schreit der Karl: „Schaut, schaut!“ ...Da sind am grün-blauen Himmel, es waren keine Wolken da, zwei Falken geflogen. Aber man kann gar nicht sagen, dass es geflogen war. Die zwei Vögel sind so herrlich in der weiten, warmen Abendluft gesegelt. Sie haben immer nur ein paar ganz kleine Flügelschläge gemacht und sind dadurch wieder ein bisschen höher hinaufgekommen. Sie waren so ruhig, aber trotzdem haben wir alle deutlich gespürt, wie stark und trotzig sie sein müssen. Und so frei ...“ Angeblich haben Karl und seine FreundInnen dann beschlossen, ihrer Gruppe den Namen der Falken ... der Roten Falken zu geben. Ein anderer Mythos besagt, dass sich Tesarek bei der Namensgebung von einem Gedicht von Maxim Gorki inspirieren ließ, in dem es um den Kampf einer Schlange mit einem Falken geht.

Der Franziskanerpater Desiderius Breitenstein hat die pädagogisch-theoretische Grundeinstellung Tesareks einmal so beschrieben: „Tesarek hat der Bewegung eine gewisse Geschlossenheit gegeben durch seine Einführung der roten Falkengruppen. Wie Kanitz (Anm: ebenfalls einer der großen Kinderfreunde- Pädagogen) bekennt sich Tesarek zur normativen Erziehung, er will auch den Klassenkampf, aber – und das ist das Neue – normative Erziehung und Klassenkampf aus einer anderen Wertlehre heraus. [...] Die sozialistische Jugend soll dazu hingeleitet werden, sich selbst „ihr Recht, ihr ewiges Menschenrecht zu holen.“ (aus Anton Tesarek: die Österreichischen Kinderfreunde 1908-1958, Verlag Jungbrunnen)

Nach wie vor ist einer unserer Leitsätze: Jedes pädagogische Handeln ist auch ein politischer Akt, bzw. es gibt keine wertfreie Erziehung. Dass diese Erziehung in der Gruppe passieren muss und daher die einzelne Kinder- und Jugendgruppe der Kern unserer Bewegung sein muss, ist mittlerweile wohl nicht mehr selbstverständliche Sichtweise, meiner Meinung nach für das politisch-pädagogische Überleben unserer Organisation aber unabdingbar.

Daniela Pruner
Trotzdem November 2005

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