Montag 6. September 2010
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Inhalt:

Theorie und Geschichte

Rehabilitierung jetzt!

Ein Mann soll für die Armee kämpfen, die gerade sein Land okkupiert hat, eine Heimat, die nicht angegriffen wurde, gegen einen Feind verteidigen, der nicht der seine ist. Er weigert sich, riskiert sein Leben und desertiert. Nach dem Krieg wird er dafür in seinem Land, das befreit wurde und nun wieder existiert, jahrzehntelang diffamiert. Kein Spaß, echt. Und jetzt erklär das mal einem Außenstehenden, jemandem, der dieses Land und seine ganz besonderen Mythen und Befindlichkeiten nur von der Durchreise kennt. Auch nicht leicht, echt nicht.


„Only in Austria“


Genau 70 Jahre nach Beginn des II. Weltkriegs zeigt die Ausstellung »Was damals Recht war...« Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht die Geschichte der Opfer. Ihre Motive, sich der deutschen Kriegsführung zu entziehen, waren unterschiedlich, die Wirkung die gleiche. Ihre Weigerung, bis zum Ende für Hitler zu marschieren, schwächte die Wehrmacht und trug damit zur Niederlage des Dritten Reichs bei. Die Ausstellung zeigt auch die Geschichte der Täter. Das System der NS-Militärjustiz ging gnadenlos gegen Soldaten und Zivilisten vor und war ein willfähriges Instrument des nationalsozialistischen Regimes. Nach 1945 machten viele der NS-Richter gute Karrieren.


Neue Debatte


Die Wanderausstellung, von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Deutschland entwickelt und vom Verein Personenkomitee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz« mit dem Verein Gedenkdienst hinsichtlich österreichischer Spezifika adaptiert, löste rasch eine neue Debatte um die Rehabilitierung von Opfern der NS-Militärjustiz aus. Bei der Eröffnung der Ausstellung sprach sich Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) für eine lückenlose Rehabilitierung aus. Sie unterstützte damit eine langjährige Forderung der Grünen. Der Zweite Nationalratspräsident, Fritz Neugebauer (ÖVP) stellte klar, dass nun endlich eine explizite Rehabilitierung zu erfolgen hätte. Andreas Khol (ÖVP) erklärte im Club 2, es gäbe eine Pflicht zum Widerstand dort, wo Recht zu Unrecht wird. Kardinal Schönborn, selbst Sohn eines Wehrmachtsdeserteurs, segnete dies ab und der Ehrenobmann des Kameradschaftsbundes, Otto Keimel, „unterschrieb“ noch in der Sendung verbal diese neue Position der ÖVP. Ganz rechts herrschte angesichts dieser überraschenden Einigkeit zunächst Funkstille. Dann diffamierte FPÖ-Obmann Strache Wehrmachtsdeserteure als Mörder – eine Verzweiflungstat?


Noch viel zu tun


Sind Opfer der NS-Militärjustiz jetzt rehabilitiert? Nein. Ein NS-Aufhebungsgesetz, das keine Fragen offen lässt und ein für alle mal klar stellt, dass die Desertion aus der Wehrmacht mutig und richtig war, fehlt noch immer. Absichtserklärungen liegen nun zwar vor, reichen aber nicht aus. Es ist höchste Zeit sie umzusetzen. Darüber hinaus funktioniert Rehabilitierung nur dann, wenn sie öffentlich ist. Hier sind seit Ausstellungsbeginn erste Schritte getan, gesellschaftliches Umdenken liegt in der Luft. Das Profil berichtete in einer Titelgeschichte über prominente Verweigerer – „die wahren Kriegshelden“, Zeitungen quer durchs Land nahmen die neu entflammte Rehabilitierungsdebatte auf, und der ORF widmete ihr Radiosendungen, Club 2 und eine Dokumentation zur besten Sendezeit. Kaum ein Beitrag zum Beginn des II. Weltkriegs vor 70 Jahren blieb ohne Verweis auf Wehrmachtsdeserteure und NS-Militärjustiz.


Ein Hauch Normalität?


Die Opfer der NS-Militärjustiz und ihre Angehörigen haben also Öffentlichkeit gefunden. Das ist gut. Trotzdem erinnert kein Denkmal an einem zentralen Platz der Republik an die Opfer der NS-Militärjustiz . Es gibt in Österreich keine Kaserne, die nach einem Soldaten benannt wäre, der sich dem Vernichtungskrieg verweigert hat. Nun sind SPÖ, ÖVP und Grüne gefordert, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Vielleicht präsentiert sich dem Außenstehenden dann endlich ein Hauch vergangenheitspolitische Normalität – auch in Österreich.


Robert Kogler

Personenkomittee »Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz«

Trotzdem November 2009


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