Freitag 18. Mai 2012
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Geht´s den Jungen gut, geht´s uns allen gut


"Ignoranz" hätte als Wort des Jahres 2005 wohl besser gepasst als "Schweigekanzler". Denn als nichts anderes kann man die Jugendpolitik von Schüssel bezeichnen – pure Ignoranz. Laufend bestätigen wissenschaftliche Studien, wie es um die soziale Lage der österreichischen Jugendlichen bestellt ist – und: Schüssel unternimmt nichts.

Auf 5320 Lehrstellensuchende im November 2005 kommen 3263 offene Lehrstellen. Mehr als 2000 Jugendliche also, denen keine Chance auf Ausbildung gegeben wird. 2000 Jugendliche die zu einem Gutteil in Schulungen versteckt werden oder damit ihre Zeit verbringen, Bewerbungen für Lehrstellen zu schreiben, die sie eigentlich gar nicht wollen.

Und die Jugendlichen taten ihren Unmut bereits kund. In einer von der Bundesjugendvertretung initiierten Studie wurden 1200 Jugendliche zum Arbeitsmarkt befragt. Dabei kritisierten vor allem die 16- bis 24-Jährigen vehement, dass das Bildungssystem sie schlecht auf die Arbeitswelt vorbereitet hat. Auch die Regierungspolitik bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit wurde von durchschnittlich 65% der befragten Jugendlichen als unzureichend eingestuft.

Auch wenn die österreichische Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich niedrig erscheinen mag, gilt es trotzdem fest zu halten, dass die Jugendarbeitslosigkeit gerade in den letzten Jahren signifikant gestiegen ist. Sich dann noch auf einem Spitzenplatz im EU-Vergleich ausruhen zu wollen, gleicht einer Realitätsverweigerung. Vor allem wenn man bedenkt, dass 2004 die Jugendarbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 2004 mit 7,2% deutlich über der Gesamtarbeitslosenquote lag.

Noch Ende Oktober waren über 62 000 junge Menschen arbeitslos, das entspricht gegenüber dem Jahr 2000 einer Verdoppelung. Und das zu einer Zeit, in der Jugendliche immer länger im Ausbildungsprozess bleiben, um eine möglichst gute Ausbildung für ihre spätere Berufslaufbahn zu erhalten. Auch wenn sich gerade dabei ein Bildungsdilemma ergibt. Es wird suggeriert, dass man eine "gute" Ausbildung brauche, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Doch gerade diese "gute" Ausbildung ist noch lange keine Garantie dafür, auch wirklich einen Arbeitsplatz zu finden.

Was eine konkrete Benachteiligung Jugendlicher bewirken kann, zeigen Zahlen der österreichischen Armutskonferenz. Demnach sind derzeit rund 114 000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren akut arm, d.h. neben einem geringen Haushaltseinkommen wird selbst das Heizen der Wohnung zu einem Problem. Das erste woran gespart wird, sind Bildungsausgaben. Dies führt letztendlich dazu, dass "Armutskarrieren" der Herkunftsfamilien fortgesetzt werden. Die soziale Stellung der Eltern bestimmt im Wesentlichen den sozialen Werdegang der Kinder, von Chancengleichheit keine Spur, Armut wird vererbt.

Neben "bildungsschwachen" Jugendlichen betrifft die prekäre Situation am Lehrstellenmarkt v.a. junge MigrantInnen. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen müssen gerade in diesem Bereich viel stärker auf den kulturellen Hintergrund der Jugendlichen abgestimmt werden.

Um wirklich eine zukunftsweisende Lehrlings- und Arbeitsmarktpolitik für Jugendliche schaffen zu können, braucht es eine gänzlich andere Programmatik, als die der Schüssel-Regierung. Es werden UnternehmerInnen Förderungen für Lehrlinge regelrecht in den Rachen gestopft. Mit dem Effekt, dass es für Betriebe wesentlich wirtschaftlicher ist, nach 3 Jahren wieder einen neuen Lehrling einzustellen und die Förderung zu kassieren und den fertig Ausgebildeten wieder auf die Straße zu setzen.

Es braucht ein vollkommenes Umdenken in der Arbeitsmarktpolitik, es braucht auch eine vollkommene Richtungsänderung in der Lehrlingspolitik. Nicht die Unternehmen sollen bevorteilt werden, sondern die Jugendlichen selbst. Der Staat wird wieder Verantwortung übernehmen müssen, wenn es darum geht, seiner eigenen Zukunft alle Chancen für ein menschengerechtes Leben zu geben!

Michael Lindner
Trotzdem Dezember 2005/Jänner 2006

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