Freitag 18. Mai 2012
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Inhalt:

Arbeitslosigkeit

„Die Sozialschmarotzer in der sozialen Hängematte“

Lügen über Arbeitslose und Arbeitslosigkeit

Dass Arbeitslosigkeit ein gesellschaftliches Problem ist, ist in Österreich weitgehend anerkannt. Doch was bedeutet Arbeitslosigkeit persönlich?

Die „soziale Hängematte“ - ein rotes Tuch, das stets dann seitens der PolitikerInnen ausgepackt wird, wenn es darum geht, ansteigende Arbeitslosigkeit zu rechtfertigen. Aktuelle Statistiken belegen, dass es im Vergleich zum letzten Jahr zu einem Anstieg der Arbeitslosen (der registrierten Arbeitslosen) um 10.544, also 4,3% gekommen ist (Quelle: www.ams.or.at).

Steigende Arbeitslosigkeit stellt ein Faktum dar, das es zu verschleiern gilt und mittels Statistiken geht das meist recht gut. Falls dann doch mal Vereinzelte auf die Idee kommen sollten zu fragen, warum trotz der vielen Maßnahmen die Arbeitslosigkeit immer noch ansteigt, muss eine neue Strategie gefunden werden.

Wer ist schuld?

Natürlich steigt die Arbeitslosigkeit an, aber keinesfalls wegen (absichtlicher) Fehler in der Arbeitsmarktpolitik, sagt die Regierung. Nein, es sind eigentlich die Arbeitslosen selbst, die Schuld an ihrer Misere haben. Es geht ihnen viel zu gut, sie haben nicht den geringsten Anreiz, sich wieder Arbeit zu suchen. Sie werden vom Staat (und von den SteuerzahlerInnen) noch zu sehr unterstützt, als dass sie es in Erwägung ziehen müssten, aus der Hängematte wieder ins Erwerbsleben zu hüpfen.
Und die Propaganda wirkt. Immerhin sieht ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung sich ungerecht behandelt, angesichts der Tatsache, dass sie jeden Tag arbeiten müssen, um ihr Überleben in einer kapitalistischen Gesellschaft abzusichern, hingegen andere fürs Nichtstun Geld bekommen.

Und das ist doch nun wirklich eine gute Taktik: Man hetzt den einen Teil der Ausgebeuteten gegen den anderen auf, was gleichzeitig zu einer Schuldverlagerung führt, angesichts derer wirklich Schuldige mit einer weißen Weste zurückbleiben.

Ein Leben am Rande der Gesellschaft – die Wahrheit über Arbeitslose und Arbeitslosigkeit

Ganz abgesehen davon, dass das Beziehen von Arbeitslosengeld keineswegs einem angenehmen finanziellen Status, an dem nichts verändert werden muss, gleichkommt, ist es ja heutzutage nicht einmal mehr per se gewährleistet, dass Menschen überhaupt noch Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung haben.

Da die Arbeitslosenzahlen ansteigen, muss ein Anreiz geschaffen werden, damit die Ausbeutung von ArbeitnehmerInnen für Unternehmen billiger wird. Denn dann werden auch wieder neue Arbeitskräfte eingestellt. Kostensenkung auf allen Ebenen ist ein guter Anreiz, speziell wenn durch neue Beschäftigungsformen ein Ersparnisfaktor ermöglicht wird, durch den Personal-, Material- und Versicherungskosten für die/den ArbeitgeberIn wegfallen. Solche Beschäftigungsformen, bei denen sich nur Vorteile für die/den ArbeitgeberIn, nicht aber für die/den ArbeitnehmerIn ergeben, nennt man „Atypische Beschäftigungsverhältnisse“.

Nicht unwesentliches Detail bei dieser Beschäftigungsform ist das völlige Fehlen einer Arbeitslosenversicherung. Mensch kann sich zwar noch „freiwillig“ in der Kranken-, Pensions- und Unfallsversicherung selbstversichern, für die Arbeitslosenversicherung geht das leider nicht.

Das heißt nun konkret, dass auch aufgrund des Anstieges von atypischen Beschäftigungsverhältnissen, die Zahl jener angestiegen ist, die im Falle von Arbeitslosigkeit auf keine finanzielle Absicherung bauen können und daher auch keinen Grund haben es sich in irgendeiner Hängematte bequem zu machen.

Und jene, die Arbeitslosengeld beziehen? Da der Bezug von Arbeitslosengeld an viele Bedingungen geknüpft, mit Sanktionen (Verlust) bei Zuwiderhandeln verbunden ist und zu dem doch recht beträchtliche finanzielle Einbußen bedeutet (vor allem für Frauen, die zum einen schon einmal weniger verdienen als Männer und daher auch weniger Arbeitslosengeld bekommen und zum anderen meist teilzeitbeschäftigt sind, was das Arbeitslosengeld unter das Existenzminimum sinken lässt.) kann das nun wirklich kein anzustrebender Dauerzustand sein.

Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Faktor, der zu erhöhter Armutsgefährdung beiträgt und je länger der Zustand anhält ein Abrutschen ins gesellschaftliche Abseits zur Folge hat.

Arbeitslosigkeit macht krank!

Der Verlust des Arbeitsplatzes ist nicht nur mit finanziellen Einbußen verbunden, auch das gesellschaftliche Ansehen wird dadurch reduziert und führt unter anderem zu Stigmatisierungen, wie es bei sozialen Randgruppen häufig der Fall ist. Einerseits gehört mensch nun auch zu der Kategorie der „Sozialschmarotzer“, andererseits hat Erwerbsarbeit (nur bezahlte – also „richtige“ – Arbeit trägt zu gesellschaftlichen Ansehen bei) an sich einen so hohen Stellenwert, dass im Falle von Arbeitslosigkeit, automatisch das Ansehen sinkt.

Damit wächst der gesellschaftliche Druck auf die/den Arbeitslose/n in doppelter Hinsicht. Auf der einen Seite befindet sie/er sich nun auch auf der Seite derer, die/der auf Kosten Anderer lebt, andererseits definieren viele Menschen auch den Sinn im Leben durch Erwerbsarbeit (bzw. lassen den Sinn durch gesellschaftliche Anforderungen fremd definieren und übernehmen ihn). Nur wer arbeitet, verdient regelmäßiges Einkommen, Identität und Selbstwert, das Gefühl, gebraucht zu werden. Arbeit ist also für viele Menschen, neben der finanziellen Absicherung, ein psychosozialer Stabilisierungsfaktor: Sie regelt Tagesstruktur und das soziale Umfeld.

Individuelle Folgen der Arbeitslosigkeit, insbesondere der Langzeitarbeitslosigkeit, sind psychische und physische Probleme, auch Entqualifizierung (Entwertung der bisher erlangten Qualifizierung), gesellschaftliche Isolation und Verarmung. Von Arbeitslosigkeit ist aber nicht nur die/der Einzelne betroffen, Arbeitslosigkeit zerstört die Lebensperspektiven und Entwicklungschancen ganzer Familien.

Und: Arbeitslosigkeit macht krank! Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts liegt das Sterberisiko nach 3 Jahren Arbeitslosigkeit 3- bis 4-mal höher als bei Menschen mit Arbeit. Arbeitslose leiden stärker als andere an psychischen Störungen, Herzinfarkt, Krebs oder Suchtkrankheiten.

Hohe Arbeitslosigkeit wirkt sich aber auch individuell auf die Arbeitskräfte aus, die Arbeit haben. Es ist ein starker psychischen Druck präsent, da mensch ständig in der Furcht lebt, auch den Arbeitsplatz zu verlieren. Das führt in weiterer Folge dazu, dass Arbeitsplätze wegen des damit verbundenen Risikos seltener gewechselt werden oder mensch froh um die prekäre Beschäftigungssituation ist, da es einem ja schlechter gehen könnte.

Wenn all das dies die „soziale Hängematte“ ist, wer möchte da schon freiwillig liegen?

Sarah Seiwald
Trotzdem Dezember 2005/Jänner 2006

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