Donnerstag 9. Februar 2012
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Bildungspolitik

Warum die Gesamtschule keine „Zwangstagsschule“ ist


Trotz nahezu hasserfüllten Widerstands der Konservativen sind Ganztags- und Gesamtschule zwei richtige Antworten auf die Probleme unseres Schulsystems.

Ein Gespenst geht um im konservativen Lager: das Gespenst der Ganztagsschule und der Gesamtschule. Vorweg eine kurze Begriffsklärung: Unter Gesamtschule versteht man die gemeinsame Schule der – zumindest – sechs bis vierzehnjährigen Kinder. Unter Ganztagsschule eine Schulform, in der die SchülerInnen über den ganzen Tag hinweg Betreuung erhalten. Um ein beliebtes Missverständnis, welches leider auch noch immer in den eigenen Reihen besteht, auszuräumen:

Sinnvoll wäre diese Verknüpfung aber auf jeden Fall, da somit jene grundlegendste Ungleichheit der gegenwärtigen Zeit am besten beseitigt werden könnte: die ungleiche Teilhabe an Bildung. Denn das gegenwärtige österreichische Schulsystem bevorzugt vor allem jene, die aus höheren und damit auch bildungsnäheren Schichten kommen. Das liegt daran, dass in diesem System einerseits viel zu früh selektiert wird und andererseits viele Bildungsaufgaben von der Schule sozusagen an die Familie ausgelagert werden. Betrachten wir daher den Stand der Diskussion etwas näher.

Die Gesamtschule – die „Eintopf“-Bildung?

Erbitterten Widerstand gibt es von konservativer Seite gegen die Einführung der Gesamtschule. Bei den vorgebrachten Argumenten muss man schon glücklich sein, wenn nicht wieder von konservativer Seite die Einführung der achtjährigen Volksschule gefordert wird. Der Widerstand ist wohl deshalb so groß, da dahinter noch die Hoffnung steht, irgendeine obskure Form der Klassentrennung aufrecht zu erhalten. Abgesehen von den in verschiedenen Studien immer wieder nachgewiesenen Nachteilen dieser differenzierten Ausbildung, ist diese Trennung vor allem ein Problem der Städte.

Hier kommt es schon fast zu einer Ghettoisierung der sozial Benachteiligten in den Hauptschulen. Die Differenzierung ist somit keine Leistungsdifferenzierung wie behauptet, sondern ausschließlich eine soziale Differenzierung. Das Argument der Durchlässigkeit unseres Systems ist hier eine glatte Lüge, da schon die Feststellung dieser folgendes offenbart: das Vorhandensein von gesellschaftlichen Hürden im System.

Ganztagsschule – Freiheit für wen?

Auch der Kampf um die Ganztagsschule wurde in der Vergangenheit heftig geführt. Ganz gezielt wurde die Ganztagsschule von konservativer Seite schnell zur ‚Zwangstagsschule’ herabgestempelt. Damit sollte suggeriert werden, dass eine ganztägige Schulform einen gesellschaftlichen Rückschritt bedeuten würde, der vor allem die Freiheit beschränkt. Ein Schelm wer nun denkt, es gehe ihnen um die Freiheit der Kinder. Die Freiheit der Mütter bei ihren Kindern zu sein ist es, die mit dieser skandalösen Forderung eingeschränkt wird. Geflissentlich wird dabei übersehen, dass die Ganztagsschule schon heute Realität ist. Nur findet sie eben an zwei unterschiedlichen Orten statt: von halb Acht bis halb Zwei in einem dafür vorgesehenen Gebäude namens Schule und daran anschließend noch mehrere Stunden im privaten Umfeld, welches dafür aber meist nicht optimal ausgestattet und vorbereitet ist.

Wie groß wäre wohl der Aufschrei unter den arbeitenden Menschen, wenn sie Tag für Tag noch für mehrere Stunden Arbeit mit nach Hause nehmen müssten. Vor allem sozial schwache Familien sind mit dieser Auslagerung der Bildungserfordernisse sukzessiv überfordert.

Die konservative Front bröckelt

Gerade die Front gegen die Ganztagsschule bröckelt aber in letzter Zeit etwas, da der gesellschaftliche Bedarf nach einer Ganztagsbetreuung der Kinder immer größer wird. Deshalb ist in letzter Zeit von ‚fortschrittlichen Konservativen’ auch der Ruf nach erweiterten Betreuungsmöglichkeiten immer lauter geworden. Dies hat aber – wie schon die Wortwahl zeigt – nichts mit unserer Position zu tun, sondern diesen scheinbaren Gesinnungswandel haben wir zwei anderen konservativen Grundpositionen zu verdanken: dem Minimalstaat und den hyperflexiblen und unsicheren Arbeitsverhältnissen. Die gesellschaftlich akzeptierte Minimalleistung der Schule mit Ganztagsbetreuung wäre demnach die Vereinbarkeit von Berufund Privatleben.

Dieser Forderung gilt es vehement entgegenzutreten, da sonst das Szenario folgendermaßen aussehen könnte: Der Unterricht wird wie gewohnt zu Mittag beendet und all jene die sich keine Privatschule oder eine andere Form der privilegierten Betreuung leisten können, sind gezwungen, ihre Kinder zwar in Aufsicht zu geben und dafür wahrscheinlich noch extra zu bezahlen. Das selektive System selbst wird aber damit weder verändert noch verbessert.

Echte Verbesserungen für SchülerInnen

Hier könnte dann eine fortschrittlich- linke ganztägige Gesamtschule in Summe wirkliche Freiheit für '64ie SchülerInnen bedeuten. Dazu müssten folgende Bedingungen erfüllt sein. Einerseits müsste mit dem Ende der Schule am Nachmittag auch wirklich ein Ende gesetzt werden. Alle mit der Bildung in Zusammenhang stehenden Aufgaben müssen in der Schule erledigt werden. Zweitens müssen gezielte Förder- und Unterstützungsprogramme sowohl für schwache als auch begabte SchülerInnen eingeführt werden. Der dritte und wesentlichste Punkt wäre aber die Förderung der gegenseitigen Hilfe. Die Kinder sollen in der Realität lernen, dass für beide Seiten eine Win-Win-Situation eintreten kann, wenn die Stärkeren den Schwächeren helfen.

Eine Schule sozialdemokratischen Zuschnitts sollte über die bloßen Lerninhalte hinaus auch grundlegende gesellschaftliche Vorstellungen vermitteln. Wo sonst ergibt sich die Gelegenheit, jene Werte wie Solidarität Kindern aus allen Schichten näher zu bringen? Bildungspolitik ist somit immer Gesellschaftspolitik. Denn abseits von allen anderen Instanzen ist vor allem die Schule jener Ort, an dem gesellschaftliche Grundwerte vermittelt werden. Dazu ist es aber notwendig, ein klares Gesellschaftsbild zu besitzen.

Welche Art von Gesellschaft streben wir an? Wollen wir die Hochleistungs- Ellbogen-Gesellschaft, in der vor allem der gegenseitige Verdrängungswettbewerb im Vordergrund steht. In der die Starken die Schwachen permanent unterdrücken, getrieben von der Angst, selbst einmal auf der Seite der VerliererInnen zu stehen? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in der alle Menschen neben gleichen Rechten auch mit gleichen Chancen ausgestattet werden? In der Solidarität und Respekt vor anderen Menschen selbstverständlich sind. In der die Bedeutung des Menschen nicht anhand seines ‚ökonomischen Werts’ gemessen wird.

Treten wir also mit einem modernen Schulsystem der zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft entgegen, indem wir unsere Kinder dazu erziehen, die Vergesellschaftung später einmal in die Ökonomie zu tragen. Die Schule ist der beste Ort, um damit zu beginnen.

Markus Schweiger
Trotzdem November 2005

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