Freitag 18. Mai 2012
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Afrika

Der Konflikt im Kongo

Über Coltan und den mörderischsten Krieg seit 1945


Blutige Kämpfe, hunderttausende Flüchtlinge, plündernde Soldaten, Vergewaltigungen, Zwangsrekrutierungen von Kindersoldaten und ethnische Spannungen prägen seit Jahren das Leben im Kongo. Mit über 4 Millionen Toten seit 1996 stellt der Konflikt im Kongo den mörderischsten Krieg seit 1945 dar. Dennoch wird der Auseinandersetzung „im fernen Afrika“ hierzulande kaum große Beachtung geschenkt. Und das, obwohl Europa an den Ursprüngen und am Verlauf des Konflikts nicht unbeteiligt ist.

Geschichte


Der Kongo, ein Land mit über 60 Millionen EinwohnerInnen und flächenmäßig 7-mal so groß wie Deutschland, wurde bis 1960 als belgische Kolonie geführt. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Kongo zu einer Art Privateigentum des belgischen Königs Leopold II. erklärt. Die KongolesInnen erlitten eine Schreckensherrschaft mit allem was dazugehört: christliche Missionierung, Ausbeutung der Rohstoffe, Sklavenhandel, Niederschlagung von Aufständen, Unterdrückung der Bevölkerung. Autonomiebestrebungen der KongolesInnen und internationaler Druck führten dazu, dass 1960 die unabhängige Demokratische Republik Kongo gegründet wurde. Belgien zog sich zwar offiziell als Kolonialmacht zurück, schon ein Jahr später ermordete jedoch der belgische Geheimdienst den frischgebackenen kongolesischen Ministerpräsidenten Lumumba, der sich wiederholt gegen die rassistische Unterdrückung durch den belgischen König wandte und (noch dazu) mit Hilfe der UDSSR die Abspaltung rohstoffreicher Landesteile abwenden wollte.

Das führte zu bürgerInnenkriegsartigen Gefechten zwischen Truppen und revolutionären Bewegungen, in die auch Che Guevara involviert war. 1965 ergriff in einem vom US-Geheimdienst gestützten Armeeputsch Joseph-Desiré Mobutu, ein schon am Staatsstreich gegen Lumumba beteiligter Oberst, die Macht – der Beginn einer 32-jährigen Militärdiktatur. Mobutus Regime ließ Aufstände, auch mithilfe europäischer Söldnertruppen, skrupellos niederschlagen, war höchst korrupt und betrieb eine Umverteilung in die Tasche des Diktators und seiner Freunde. Nach Ende des Kalten Krieges ließ die US-Regierung ihren antikommunistischen Schützling Mobutu fallen, dessen Regime weder den wirtschaftlichen Erwartungen internationaler Großkonzerne, noch jener von IWF und Weltbank (rasche Privatisierung von Staatsbetrieben) genügend nachkam. Anstelle von Mobutu wurde 1997 Laurent Kabila neuer Staatspräsident. Kabila wurde dabei auch von internationalen Konzernen unterstützt, die sich wirtschaftliche Vorteile erhofften. Nach einem tödlichen Attentat im Jahr 2001 folgte ihm sein Sohn Joseph Kabila. Der Streit um Landbesitz zwischen verschiedenen Volksgruppen, Flüchtlingsströme aus Ruanda, bewaffnete Rebellionen und intervenierende Nachbarländer beuteln das Land seit den 90er Jahren.

Rohstoffreich.

Neben Kupfer, Diamanten, Kohle und Gold ist vor allem das Mineral Coltan im rohstoffreichen Kongo in üppigen Mengen vorhanden und von großem Interesse internationaler Konzerne. Coltan ist ein in der High-Tech-Industrie heiß begehrtes Erz und für die Herstellung von Mobiltelefonen unentbehrlich. Der größte Anteil von Coltan wird in der östlichen Region Kivu abgebaut. Dort, wo derzeit Rebellengruppen rund um den aufständischen General Laurent Nkunda das Land unter Kontrolle haben.

Der Völkermord in Ruanda…


Das kleine Nachbarland Ruanda versank 1994 in einen Völkermord. Zwischen den Volksgruppen der Hutu und der Tutsi entbrannte ein heftiger BürgerInnenkrieg. Hutu-Milizen ermordeten dabei in fast 100 Tagen ca. 800.000 Angehörige der Tutsi, sowie moderate Hutu, die sich am Genozid nicht beteiligten. Der Konflikt stellte eine Initialzündung für eine Kette kriegerischer Auseinandersetzungen in Zentralafrika dar, deren Effekte bis heute nicht überwunden sind.

…und seine Auswirkungen.


Auswirkungen hat das Massaker in Ruanda auch auf den derzeit tobenden Krieg im Kongo. Aus am Völkermord beteiligten Kräften ging beispielsweise die straff organisierte Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) hervor, die im Ostkongo ihr Unwesen treibt und deren Entwaffnung von Seiten der Zentralregierung unter Kabila nicht vorangetrieben wurde. Ganz im Gegenteil: Der abtrünnige Tutsi-General Laurent Nkunda beschuldigt die kongolesische Armee, mit der extremistischen FDLR zu kooperieren. Die Tutsi-Minderheit im Kongo gelte es daher vor diesen radikalen Milizen zu schützen, rechtfertigt er seinen Aufstand gegen die Zentralregierung in Kinshasa. Ziel Nkundas ist es, mit seiner Organisation CNDP („Congrès National pour la Défense du Peuple“) den Kongo zu „befreien“. Dabei wird der General vom ruandischen Regime unter Paul Kagame unterstützt – etwa durch die Bereitstellung von Panzern oder Artilleriegeschützen.

Die Rolle Ruandas


Kagame und Nkunda arbeiten schon seit 15 Jahren zusammen – zunächst beim Sturz der Hutu-Regierung in Ruanda. Der Sieg ihrer Tutsi-Miliz bedeutete das Ende des BürgerInnenkriegs und die Machtergreifung Kagames, der seither Präsident ist. In den ersten beiden Kongo-Kriegen (Ende der 90er Jahre) kämpfte Nkunda dann gegen die Hutu-Milizen – damals noch auf der Seite der ruandischen Armee. Heute plant Nkunda, in der östlichen Provinz Kivu eine Tutsi-Republik auszurufen, um in der Folge den Marsch auf Kinshasa vorzunehmen.

Der Vormarsch der Nkunda-Rebellen ist Ruandas Präsident nicht unrecht, geht es doch auf Perspektive um die Sicherung und Einverleibung der ostkongolesischen Schatzkammer. Als Statthalter Kagames kontrolliert Nkunda die rohstoffreiche Große-Seen-Region im Kongo – und kann dadurch auch mit den Bodenschätzen Geschäfte machen. Als Drehscheibe für die Verteilung letzterer an interessierte Kreise in den Industrieländern fungieren die Nachbarländer Ruanda und Uganda, die zudem gute Beziehungen zu Berlin und Washington unterhalten. An einer raschen Beendigung des Konflikts im Ostkongo sind daher weder Nkunda, noch der ruandische Präsident interessiert. Während die kongolesische Zentralregierung Ruanda vorwirft, den Konflikt im Kongo mittels Stärkung der Rebellenmilizen anzuheizen, nimmt sich Kagame vornehm zurück. Er wolle in die Angelegenheiten „nicht verwickelt“ werden, Gespräche werden daher seit Wochen und Monaten hinausgezögert.

Plünderungen, Vergewaltigungen, Kinderarbeit, Flüchtlingsdrama.


Die miserabel bezahlte kongolesische Armee ist zu schwach, um die Rebellen aufzuhalten und macht sich bei Gefahr lieber aus dem Staub. Um die Nkunda-Rebellen in Schach zu halten, setzt die Regierung des Kongo daher auf die FDLR-Miliz und stützt sich damit auf die Völkermörder von 1994, anstatt diese zu entwaffnen. Auf beiden Seiten plündern Soldaten Dörfer, morden ZivilistInnen, vergewaltigen Frauen und lösen Angst, Schrecken und Flüchtlingslawinen aus. Laut UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten ist die Zahl der Flüchtlinge mittlerweile auf über eine Viertelmillion angestiegen. Das ganze Ausmaß des Flüchtlingsdramas ist nicht überblickbar. Zehntausende Menschen seien laut UNHCR-Sprecher Redmond einfach verschwunden – als hätten sie die Hügel des Kivu verschluckt. Die Flüchtlingslager werden von vergewaltigenden Truppen heimgesucht. Die Milizen schrecken auch nicht davor zurück, Schulen zu überfallen, um Kinder zu verschleppen und für ihre Dienste zu gebrauchen. Werden sie nicht zu Kindersoldaten zwangsrekrutiert, als sexuelle SklavInnen eingesetzt oder zu Hausarbeit verdonnert, müssen die Kinder in den Coltan-Minen schuften, damit Nkundas Rebellen über Ruanda mittels dubioser HändlerInnen Geschäfte machen können.

Wer profitiert?


Der Konflikt im Kongo ist daher keineswegs auf Reibereien rivalisierender Volksgruppen zu beschränken – vielmehr spielen wirtschaftliche Interessen eine tragende Rolle. Der Weltmarkt schreit nach den Rohstoffen aus dem Kongo – völlig egal, ob daran Blut klebt oder wer sie unter welchen Bedingungen herstellt. So finanziert sich die Nkunda-Miliz munter weiter durch den Verkauf von Bodenschätzen – und profitiert von der Coltan-Nachfrage der High-Tech- und Mobilfunk-Industrie.

Was macht die EU?


Die Antworten der EU sind spärlich. Während Frankreich und Belgien als ehemalige Kolonialmächte der Große-Seen-Region das Gebiet per Einsatz der EU-Battlegroups unter ihre Kontrolle bringen und der kongolesischen Regierung helfen wollen, befürworten Deutschland und Großbritannien den weiteren Ausbau der UN-Präsenz. Über den Sinn der UN-Mission „Monuc“ im Kongo scheiden sich jedoch die Geister. Kongos Präsident Kabila wirft den „Friedenstruppen“ vor, beim Schutz der Zivilbevölkerung zu versagen. Manche sehen in der UN-Besatzung überhaupt eine gute Voraussetzung für eine möglichst störungsfreie Ausbeutung der Rohstoffvorkommen durch die Rebellen. Mit einer weiteren Truppenaufstockung der derzeit 17.000 Blauhelme und einer Verlängerung des Mandats der Mission „Monuc“ ist der UN-Einsatz mittlerweile der größte überhaupt.

Auswege?


Den Ausweg aus dem Krieg im Kongo kann nur eine politische Lösung sicherstellen – nicht eine militärische. Die aus Profitgründen im Kongo intervenierenden Nachbarländer Ruanda und Uganda müssen von der Weltgemeinschaft, die aus ihrem hilflosen Zustand erwachen sollte, zurückgepfiffen werden. Die kongolesische Regierung muss wiederum aufhören, die von Völkermördern durchsetzte FDLR zu dulden und versuchen, ethnischen Spannungen entgegenzuwirken. Versöhnung und Kompromisse werden auf militärischem Weg nicht zu erlangen sein. Eine echte Lösung des Konflikts kann nur auf politischem Weg erfolgen.

Boris Ginner

Trotzdem Dezember 2008

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