Freitag 18. Mai 2012
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Arbeitsmarktregulierung begünstigt Forschung und Entwicklung


Die Besorgnis um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft wächst. Hatte man vor fünf Jahren noch im Rahmen der Lissabon-Strategie das Ziel vor Augen „zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden, verliert Europa seither immer mehr an Boden.

Dies gilt auch im Bereich von Innovation und wissenschaftlichem Fortschritt, zwei wichtige Faktoren für Wettbewerbsfähigkeit. Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt blieb (im Durchschnitt) bei den EU 15 von 1993 bis 2003 mit 1,9 % unverändert, während er in den USA von 2,5 % auf 2,76 % und in Japan von 2,6 % auf 3,1 % gestiegen ist.

Ronald Janssen und Andrew Watt (Europäisches Gewerkschaftsinstitut) veranlasste diese Entwicklung zur Erforschung der wahren Gründe bzw. zu folgender Fragestellung: Liegt der Grund für die europäische Schwäche im Innovationsbereich – vor allem gegenüber den USA – in der stärkeren Regulierung seiner Arbeits- und Produktmärkte? Oder ist diese ständig wiederholte Aussage haltlos bzw. genau das Gegenteil der Fall?

Um diese Frage zu beantworten, wurden jene zwei Länder verglichen, die als die beiden europäischen Extreme gelten, nämlich Deutschland und das Vereinigte Königreich. Die Ergebnisse wurden im Rahmen des European Economic and Employment Policy Brief (No.4 – 2005) unter dem Titel „Innovation and Competitiveness: Comparing the UK, Germany and the US“ veröffentlicht.

Der Grad der Regulierung

Um den Regulierungsgrad der Arbeitsmärkte zu bestimmen wurden unter anderem der Kündigungsschutz, das Ausmaß der Arbeitslosenunterstützung (Ersatzrate und Dauer), der gewerkschaftliche Organisationsgrad, der Grad der Erfassung der ArbeitnehmerInnen durch Kollektivverträge, die Belastung durch die Besteuerung von Arbeit herangezogen. Mit Ausnahme zweier Indikatoren (die Nettoersatzrate für Arbeitslosenunterstützung und deren Dauer) liegt das Vereinigte Königreich bei allen Werten unter dem OECD-Durchschnitt, während Deutschland ausnahmslos darüber liegt.

Insgesamt ist die Regulierung der Arbeitsmärkte im Vereinigten Königreich also geringer als in Deutschland, was auch zu erwarten war. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die Produktmärkte betrachtet.

Der Grad der Innovation

• Der am häufigsten betrachtete Index in diesem Zusammenhang sind die
Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung als Anteil am BIP. Hier befindet sich Deutschland mit 2,5 % nahe dem amerikanischen Niveau, während das Vereinigte Königreich mit etwa 1,8 % sogar unter dem europäischen Durchschnitt (2 %) liegt.

Dieser Abstand dürfte sich noch ausweiten: Das jährliche Wachstum dieser Größe betrug zwischen 1997 und 2000 in Deutschland 3,3 % und im Vereinigten Königreich nur 2,8 %:

• Auch der Anteil der WissenschafterInnen ist in Deutschland mit über sechs WissenschafterInnen pro 1.000 ArbeitnehmerInnen höher.

• Hinsichtlich der Patentanmeldungen pro Million der Bevölkerung rangiert Deutschland mit 400 gleichauf den USA, während das Vereinigte Königreich mit knapp über 150 wiederum den EU-Durchschnitt „unterbietet“.

• Auch die Struktur der Industrie bestätigt das Bild: 11,5 % des gesamten Mehrwerts wird in Deutschland (2001) in der High-Tech oder der mittleren High-Tech Industrie geschaffen, im Vereinigte Königreich hingegen nur etwa 7,5 %; 10 % der ArbeitnehmerInnen sind in Deutschland in diesen Industriezweigen beschäftigt, im Vereinigte Königreich etwa die Hälfte.

• Bei den wissensintensiven Branchen hat das Vereinigte Königreich die Nase vorne, während Deutschland aber immerhin noch weit über dem europäischen Durchschnitt liegt.

• Beim Indikator „Anzahl der Unternehmen, die sich bei Forschungsaktivitäten engagieren als Anteil der gesamten Unternehmen“ liegt Deutschland mit 61 % (gemeinsam mit Irland) an der europäischen Spitze. Im Vereinigte Königreich trifft dies nur auf 36 % der Unternehmen zu.

• Hinsichtlich des Investments von Venture Capital weist das Vereinigte Königreich zwar höhere Werte auf, jedoch scheinen diese Investitionen nicht in eine bessere Innovationsperformance umgesetzt zu werden.

• Schließlich sollte Innovation auch in höherer Arbeitsproduktivität münden. Auch dieser Wert fügt sich in die Beobachtungen: Für die Produktivität (BIP in Kaufkraftstandards pro geleisteter Arbeitsstunde) wurde in Deutschland (2002) der Index 103,0 (der europäische Durchschnitt beträgt 100) ermittelt, während der englische Wert mit 88,3 weit unter dem europäischen Durchschnitt lag.

Warum wird durch die Regulierung des Arbeitsmarktes und gut entwickelte Kollektivvertragssysteme Forschung und Entwicklung begünstigt?

• Gut ausgebaute ArbeitnehmerInnenschutzbestimmungen begünstigen langfristige Beschäftigungsverhältnisse, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt sind. Das ist eine wesentliche Vorraussetzung für Weiterbildung und hochqualitative Produktion, denn erst dann lohnen sich Investitionen in (firmenspezifischen) Wissenserwerb und lebenslanges Lernen. ArbeitnehmerInnen werden kaum in ihre Weiterbildung investieren, wenn sie Befürchten, ihren Job zu verlieren, und umgekehrt werden Unternehmen nicht auf ArbeitnehmerInnen bauen, die das Unternehmen demnächst zu verlassen drohen.

• Die Arbeitslosenunterstützung erlaubt es den Betroffenen, nach einem wirklich passenden Arbeitsplatz zu suchen und erhöht somit das „Matching“. Der Druck, Beschäftigungsverhältnisse mit niedrigeren Qualifikationsanforderungen einzugehen und somit die eigene Qualifikation nach und nach zu schwächen, wird vermindert, wenn die ArbeitnehmerInnen nicht dazu gezwungen sind, den nächstbesten Job anzunehmen.

• Bei gut ausgebauten Sozialschutzmodellen verbessert sich der Gesundheitszustand der ArbeitnehmerInnen, und hiermit auch die Produktivität insgesamt.

• Kollektivverträge verhindern den Anreiz für Unternehmen ihre Probleme in Form von Lohnkürzungen an die ArbeitnehmerInnen weiterzugeben, anstatt in höhere Arbeitsproduktivität zu investieren und damit den Wettbewerbsnachteil gegenüber
innovativeren Unternehmen auszugleichen.

• Gewerkschaftliche Organisation und Möglichkeit der Mitsprache verhilft den ArbeitnehmerInnen zu einer „aktiven Stimme“, was zu einer positiven Einstellung gegenüber Veränderungen beiträgt. Im Unternehmen selbst führen so schlechtere Bedingungen weniger zum Verlassen des Betriebes, sondern eher zur aktiven Lösungssuche und Mitgestaltung.

• Weiters kommt es insgesamt zu einer ausgeglicheneren Einkommensverteilung, was aufgrund der höheren Kaufkraft quer durch alle Bevölkerungsschichten die Nachfrage nach neuen Produkten und somit die Verbreitung von Produktinnovationen fördert.

Der Grund für das schwache Wachstum in Deutschland ist wohl kaum einer angeblichen
„Überregulierung“ zuzuschreiben. Betrachtet man die Angebotsseite, weist Deutschland
überraschend bessere Ergebnisse auf, als immer wieder behauptet wird.

Judith Vorbach
Trotzdem Dezember 2005/Jänner 2006

Dieser Artikel erschien erstmals auf der Homepage des Institut für Sozial- und Wirtschaftswisenschaften (ISW Linz) www.isw-linz.at

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